Joseph_Roth_Biografie

Das ist Joseph. Joseph erfindet gerne Dinge. Sei wie Joseph.

Joseph Roth war Journalist, Schriftsteller, Monarchist und ein begnadeter Erfinder seiner eigenen Lebensgeschichte. Der Autor des „Radetzkymarsch“ beschrieb den Untergang Österreich-Ungarns mit unvergleichlicher Genauigkeit, während sein eigenes Leben zunehmend aus den Fugen geriet. Er kämpfte gegen den Nationalsozialismus, verlor seine Frau an eine schwere Krankheit und zerstörte seine Gesundheit durch Alkohol. Am Ende besaß er kaum mehr als einen Koffer voller Manuskripte.

Ein Junge vom Ende der Welt

Joseph Roth wurde am 2. September 1894 als Moses Joseph Roth in Brody geboren, einer kleinen Stadt in Galizien, damals Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie und heute in der Ukraine gelegen. Brody war eine Grenzstadt mit einem großen jüdischen Bevölkerungsanteil, in der verschiedene Sprachen, Religionen und Kulturen aufeinandertrafen. Seine Mutter Maria stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, der Vater Nachum Roth war im Getreidehandel tätig. Doch den lernte Joseph niemals kennen. Noch vor seiner Geburt verschwand Nachum auf einer Geschäftsreise und kehrte nicht zu seiner Familie zurück.

Nach familiären Überlieferungen erlitt der Vater einen schweren psychischen Zusammenbruch und verbrachte seine letzten Lebensjahre in der Obhut von Verwandten und religiösen Gemeinschaften. Joseph wuchs bei seiner Mutter und seinem Großvater auf, unterstützt von wohlhabenderen Angehörigen. Die Familie war keineswegs so mittellos, wie Roth später behauptete. Sie konnte ihm eine gute Schulbildung ermöglichen und finanzierte schließlich sogar sein Studium. Trotzdem empfand er seine Herkunft offenbar als Makel. Der unbekannte Vater wurde zu einer Leerstelle, die er sein ganzes Leben lang mit Geschichten zu füllen versuchte.

Ein Vater nach Wunsch

Roth behauptete je nach Gelegenheit, sein Vater sei ein österreichischer Offizier, ein Wiener Waffenfabrikant oder gar ein polnischer Graf gewesen. Manchmal verlegte er auch seinen Geburtsort in ein Dorf außerhalb von Brody. Später erfand er militärische Heldentaten und schmückte seine Vergangenheit mit Erfahrungen aus, die er wahrscheinlich nie gemacht hatte. Die Wahrheit war für ihn offenbar nicht immer das, was tatsächlich geschehen war, sondern gelegentlich auch das, was besser zu seiner Vorstellung von sich selbst passte.

Diese Neigung zur Selbsterfindung war mehr als eine harmlose Schrulle. Roth konnte charmant und geistreich sein, aber ebenso eitel, widersprüchlich und ausgesprochen schwierig. Seine Erzählungen machen es Biografen bis heute schwer, Tatsachen von Legenden zu unterscheiden. Vielleicht erklärt gerade diese Unsicherheit einen Teil seiner literarischen Begabung. Roth verstand, wie sehr Menschen ihre Identität aus Erinnerungen, Wünschen und Geschichten zusammensetzen. Und er wusste aus eigener Erfahrung, dass solche Konstruktionen zerbrechen können.

Von Galizien nach Wien: Der Traum vom großen Leben

Nach dem Abitur mit Auszeichnung begann Roth 1913 ein Studium der Germanistik und Philosophie in Lemberg. Schon 1914 wechselte er an die Universität Wien, das kulturelle Zentrum des Habsburgerreichs. Er verehrte die deutsche Literatur, schrieb Gedichte und bewegte sich zunehmend in intellektuellen Kreisen. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, stand er dem Krieg zunächst ablehnend gegenüber. 1916 meldete er sich jedoch freiwillig zum Militärdienst. Er wurde vor allem in Galizien eingesetzt und übernahm auch journalistische Aufgaben für militärische Publikationen.

Später erzählte Roth von russischer Kriegsgefangenschaft und gab sich gelegentlich als ehemaliger Offizier aus. Historische Forschungen halten diese Geschichten für erfunden; ältere biografische Darstellungen übernehmen die Gefangenschaft dagegen teilweise als Tatsache. Sicher dokumentiert ist sein tatsächlicher Kriegsdienst. Als Roth Ende 1918 nach Wien zurückkehrte, existierte das Kaiserreich nicht mehr. Die vertraute politische Ordnung war verschwunden, Grenzen hatten sich verschoben und Millionen Menschen mussten sich in neuen Staaten zurechtfinden. Dieser Verlust sollte zum bestimmenden Thema seines literarischen Lebens werden.

Der rote Joseph wird zum gefragten Reporter

1919 begann Roth als Journalist bei der Wiener Tageszeitung „Der Neue Tag“. Innerhalb eines Jahres veröffentlichte er dort mehr als 140 Beiträge. Er schrieb über Armut, gesellschaftliche Ungerechtigkeit und die Folgen des Krieges. Als die Zeitung 1920 eingestellt wurde, ging er nach Berlin und arbeitete unter anderem für den „Berliner Börsen-Courier“ und die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts“. Seine frühen Texte waren häufig politisch links orientiert. Unter dem Pseudonym „Der rote Joseph“ entwickelte er einen scharfen, manchmal beißend ironischen Stil.

1923 begann seine Zusammenarbeit mit der renommierten „Frankfurter Zeitung“. Roth wurde zu einem der gefragtesten Reportageschriftsteller seiner Zeit. Er beobachtete Menschen auf Bahnhöfen, in Hotels, auf Straßen und in heruntergekommenen Vierteln. Seine Texte waren keine trockenen Berichte, sondern kleine literarische Momentaufnahmen. Er beschrieb soziale Unterschiede, politische Spannungen und menschliche Schwächen mit einer Genauigkeit, die seine späteren Romane prägen sollte. Bereits 1923 erschien sein erster Roman „Das Spinnennetz“ als Fortsetzungsgeschichte. Darin zeigte er den Aufstieg eines rechtsradikalen Opportunisten und die gefährliche Anziehungskraft nationalistischer Bewegungen.

Ein Leben zwischen Hotelzimmern

1925 schickte die „Frankfurter Zeitung“ Roth nach Paris. Die französische Hauptstadt begeisterte ihn, doch der erhoffte dauerhafte Korrespondentenposten ging schließlich an einen Kollegen. Als Ausgleich finanzierte die Zeitung ausgedehnte Recherchereisen. Roth berichtete aus der Sowjetunion, aus Polen, Italien und Albanien. Besonders seine Russlandreportagen von 1926 machten ihn bekannt. Er betrachtete die sowjetische Gesellschaft zunehmend skeptisch und erkannte früh die Widersprüche zwischen revolutionären Versprechen und politischer Wirklichkeit.

Roth wohnte vorzugsweise in Hotels und wechselte ständig den Aufenthaltsort. Ein fester Haushalt hätte ihn gebunden, während er die Unabhängigkeit des Reisenden suchte. Gleichzeitig kostete diese Lebensweise viel Geld. Obwohl er zeitweise hohe Honorare verdiente, war er regelmäßig verschuldet und musste Verleger um Vorschüsse bitten. Seine Unruhe war nicht nur romantisch: Sie erschwerte Beziehungen und machte ein geordnetes Familienleben beinahe unmöglich. Gerade dieser Zustand des ständigen Unterwegsseins kehrt in seinen Romanen immer wieder.

Friedl: Die Tragödie seiner Ehe

1922 hatte Roth die aus Wien stammende Friederike Reichler geheiratet, die er Friedl nannte. Anfangs verband beide eine enge Beziehung, doch seit 1927 verschlechterte sich ihr psychischer Gesundheitszustand. Sie entwickelte schwere Symptome einer Erkrankung, die damals als Schizophrenie diagnostiziert wurde. Roth versuchte wiederholt, ärztliche Hilfe zu organisieren, und suchte nach Behandlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig reiste er weiter, arbeitete unter großem finanziellen Druck und überließ die Betreuung seiner Frau zunehmend Verwandten und Bekannten. 1929 wurde Friedl erstmals länger in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht.

Roth litt unter ihrer Erkrankung, konnte aber offenbar weder mit ihr noch mit der Verantwortung umgehen, die daraus entstand. Seine Briefe zeigen Sorge und Verzweiflung, zugleich distanzierte er sich immer weiter von seiner Frau. Später hatte er andere Beziehungen und strebte auch eine Scheidung an. Friedls Schicksal nahm nach seinem Tod eine noch schrecklichere Wendung: Im Juli 1940 wurde sie in die nationalsozialistische Tötungsanstalt Hartheim bei Linz gebracht und im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“-Morde ermordet. Roth selbst erlebte dieses Verbrechen nicht mehr.

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Der Alkohol wird zum ständigen Begleiter

Bereits während seiner Militärzeit hatte Roth begonnen, regelmäßig größere Mengen Alkohol zu trinken. In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus eine schwere Abhängigkeit. Er trank in Cafés und Hotels, manchmal schon während der Arbeit, und ignorierte die Warnungen seiner Ärzte. Bereits Mitte der 1920er Jahre klagte er über Leberprobleme. Der Alkohol beeinträchtigte zunehmend seine Gesundheit, verschärfte seine Geldnot und belastete seine Beziehungen. Freunde versuchten wiederholt, ihm zu helfen, doch längerfristige Veränderungen gelangen nicht.

Roths Alkoholkonsum wurde später häufig als Ausdruck seiner Verzweiflung über den Untergang Europas romantisiert. Das greift zu kurz. Seine Abhängigkeit begann lange vor der nationalsozialistischen Machtübernahme und entwickelte eine zerstörerische Eigendynamik. Roth blieb zwar bis zuletzt literarisch produktiv, war jedoch keineswegs das bewundernswerte Genie, das gerade wegen seiner Selbstzerstörung große Literatur hervorbrachte. Seine Sucht kostete ihn Gesundheit, Vertrauen und zunehmend auch die Freiheit, über sein eigenes Leben zu bestimmen.

„Hiob“: Ein Roman über die Zumutungen des Lebens

1930 gelang Roth mit „Hiob. Roman eines einfachen Mannes“ sein großer literarischer Durchbruch. Der Roman erzählt von Mendel Singer, einem jüdischen Lehrer, dessen Leben durch Krankheit, Armut, Krieg und familiäre Verluste erschüttert wird. In Anlehnung an die biblische Hiob-Geschichte stellt Roth eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt: Wie kann ein Mensch an Gott glauben, wenn ihm beinahe alles genommen wird? Die Geschichte verbindet jüdische Traditionen mit den Erfahrungen von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen.

Der Erfolg verschaffte Roth internationale Aufmerksamkeit. Besonders beeindruckend war seine Fähigkeit, große historische und religiöse Fragen in das Schicksal einer einzelnen Familie zu übersetzen. Seine Figuren sind keine bloßen Vertreter politischer Ideen, sondern Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Widersprüchen. In „Hiob“ wurde außerdem ein Thema sichtbar, das sich durch Roths gesamtes Werk zieht: Heimat ist nicht unbedingt ein bestimmter Ort. Manchmal ist sie eine Erinnerung, eine Sprache oder die Vorstellung einer Welt, die längst verschwunden ist.

„Radetzkymarsch“: Ein Kaiserreich geht unter

1932 erschien Roths berühmtester Roman „Radetzkymarsch“. Anhand dreier Generationen der Familie Trotta erzählt er den langsamen Zerfall Österreich-Ungarns. Am Anfang steht ein Offizier, der Kaiser Franz Joseph in der Schlacht von Solferino das Leben rettet. Seine Nachkommen müssen feststellen, dass der gesellschaftliche Aufstieg der Familie kein dauerhaftes Glück garantiert. Während die alte Ordnung zunehmend erstarrt, verlieren die Figuren ihre Orientierung. Der Untergang des Reiches wird so zur Geschichte persönlicher Niederlagen.

Der Roman ist keineswegs bloß eine Liebeserklärung an die Monarchie. Roth beschreibt auch ihre Bürokratie, ihre gesellschaftlichen Hierarchien und die Unfähigkeit vieler Entscheidungsträger, die Veränderungen ihrer Zeit zu begreifen. Gerade darin liegt seine literarische Größe: Er konnte eine untergehende Welt lieben und gleichzeitig ihre Schwächen erkennen. Mit „Radetzkymarsch“ schuf er einen der wichtigsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts. Seine spätere politische Sehnsucht nach der Wiederherstellung der Monarchie war deutlich weniger differenziert als die literarische Auseinandersetzung mit ihr.

Vom Sozialisten zum Monarchisten

Roths politische Entwicklung gehört zu den auffälligsten Widersprüchen seines Lebens. Der junge Journalist hatte soziale Ungerechtigkeit angeprangert und für linke Zeitungen geschrieben. In den 1930er Jahren wurde er dagegen zum leidenschaftlichen Anhänger der Habsburger und forderte die Wiederherstellung der Monarchie. Er glaubte, ein erneuertes Österreich-Ungarn könne der nationalistischen Zerstörung Europas etwas entgegensetzen. Dabei idealisierte er zunehmend ein politisches System, dessen soziale und demokratische Defizite er früher selbst kritisiert hatte.

Auch seine religiösen Positionen veränderten sich. Roth stammte aus einer jüdischen Familie, beschäftigte sich intensiv mit jüdischen Traditionen und näherte sich später dem Katholizismus an. Ob er tatsächlich konvertierte, bleibt umstritten. Seine wechselnden Bekenntnisse lassen sich nicht einfach auf eine feste religiöse Überzeugung reduzieren. Kritisch betrachtet suchte er in Monarchie und Religion zunehmend jene Ordnung, die ihm in der Gegenwart fehlte. Sein politisches Denken wurde dabei teilweise widersprüchlich und wirklichkeitsfern.

Der Nationalsozialismus zerstört seine Existenz

Am 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, reiste Roth nach Paris. Er hatte die nationalsozialistische Gefahr früh erkannt und sah für sich als jüdischen Schriftsteller und entschiedenen Gegner Hitlers keine Zukunft mehr in Deutschland. Seine Bücher wurden verboten und verbrannt. Damit verlor er große Teile seines bisherigen Publikums und seiner Einkünfte. Er schrieb nun für Exilzeitungen und veröffentlichte seine Romane bei deutschsprachigen Exilverlagen in den Niederlanden.

Im Exil war Roth politisch engagiert, aber seine wirtschaftliche Lage wurde immer schlechter. Mit dem Schriftsteller Stefan Zweig verband ihn eine enge Freundschaft. Zweig unterstützte ihn finanziell und versuchte immer wieder, ihn zu einem vernünftigeren Lebenswandel zu bewegen. Roth reagierte darauf nicht selten gereizt und undankbar. Hilfe anzunehmen fiel ihm offenbar schwer, obwohl er sie dringend benötigte. Seine literarische Produktivität blieb trotzdem bemerkenswert: In den Exiljahren entstanden unter anderem „Tarabas“, „Das falsche Gewicht“ und „Die Kapuzinergruft“.

Schwierige Liebe im Exil

Nach dem Zerbrechen seiner Ehe lebte Roth mehrere Jahre mit der Journalistin Andrea Manga Bell zusammen. Auch diese Beziehung war von Konflikten geprägt. 1936 lernte er im belgischen Ostende die ebenfalls emigrierte Schriftstellerin Irmgard Keun kennen. Beide verliebten sich ineinander und bildeten zeitweise ein ebenso leidenschaftliches wie schwieriges Paar. Keun war selbst eine erfolgreiche Autorin, deren Bücher von den Nationalsozialisten verboten worden waren. Sie teilte Roths scharfen Blick auf die politische Gegenwart, aber auch seine Neigung zu übermäßigem Alkoholkonsum.

Die Beziehung zerbrach 1938. Keun berichtete später von Roths extremer Eifersucht und seinem kontrollierenden Verhalten. Ihr zufolge konnte sie sich kaum bewegen, ohne dass er misstrauisch reagierte. Diese Schilderungen widersprechen dem romantischen Bild des sensiblen, leidenden Dichters. Roth konnte liebevoll und großzügig sein, aber auch besitzergreifend, verletzend und selbstbezogen. Die Tatsache, dass er außergewöhnliche Literatur schrieb und politisch gegen den Nationalsozialismus kämpfte, macht sein Verhalten gegenüber nahestehenden Menschen nicht automatisch bewundernswert.

Der letzte Gast im Pariser Café

In seinen letzten Lebensjahren wohnte Roth vor allem in kleinen Pariser Hotels und verbrachte viele Stunden im Café Le Tournon. Dort schrieb er, traf andere Emigranten und trank immer größere Mengen Alkohol. Seine Gesundheit verschlechterte sich dramatisch. Im Frühjahr 1939 war er körperlich erschöpft, finanziell nahezu ruiniert und von der politischen Entwicklung Europas zunehmend verzweifelt. Als er am 24. Mai vom Suizid seines Schriftstellerkollegen Ernst Toller erfuhr, brach er zusammen. Freunde brachten ihn in das Pariser Hôpital Necker.

Joseph Roth starb dort am 27. Mai 1939 im Alter von nur 44 Jahren. Als unmittelbare Todesursache wird gewöhnlich eine Lungenentzündung genannt; seine langjährige Alkoholabhängigkeit hatte den körperlichen Verfall erheblich begünstigt. Er wurde auf dem Friedhof von Thiais bei Paris beigesetzt. Seine letzte Erzählung, „Die Legende vom heiligen Trinker“, erschien kurz nach seinem Tod. Darin erhält ein obdachloser Trinker mehrfach die Möglichkeit, sein Leben zu ordnen, scheitert aber immer wieder an sich selbst. Die Parallelen zu Roths eigenem Leben sind kaum zu übersehen.

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Was von Joseph Roth bleibt

Joseph Roth war kein einfacher Mensch und schon gar kein glaubwürdiger Erzähler seiner eigenen Lebensgeschichte. Seine Lügen, seine politische Widersprüchlichkeit und seine Selbstzerstörung gehören ebenso zu seiner Biografie wie seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe. Er beschrieb den Verlust von Heimat und gesellschaftlicher Ordnung zu einer Zeit, in der Europa tatsächlich auf eine Katastrophe zusteuerte. Dabei verstand er etwas, das seine Romane bis heute lesenswert macht: Geschichte besteht nicht allein aus Kriegen, Grenzen und Regierungen, sondern aus Menschen, die plötzlich nicht mehr wissen, wohin sie gehören.

Sein Werk ist deshalb mehr als nostalgische Literatur über ein verschwundenes Kaiserreich. Es erzählt von Entwurzelung, Migration, politischer Verführung und dem Versuch, in einer zerfallenden Welt einen Platz zu finden. Gerade diese Themen sind keineswegs erledigt. Roths eigenes Leben endete tragisch, doch seine besten Bücher haben die historischen Umstände, aus denen sie entstanden, weit überdauert.

Fakten

  • Name: Moses Joseph Roth
  • Geboren: 2. September 1894 in Brody, Galizien, Österreich-Ungarn (heute Ukraine)
  • Gestorben: 27. Mai 1939 in Paris, Frankreich, im Alter von 44 Jahren
  • Familie: Sohn von Maria Grübel und Nachum Roth; ohne seinen Vater aufgewachsen; seit 1922 mit Friederike Reichler verheiratet, keine Kinder; spätere Beziehungen unter anderem mit Andrea Manga Bell und Irmgard Keun
  • Ausbildung und Beruf: Studium der Germanistik und Philosophie in Lemberg und Wien ohne Abschluss; Journalist, Auslandskorrespondent und Schriftsteller
  • Bekannte Werke: „Das Spinnennetz“ (1923), „Hotel Savoy“ (1924), „Hiob“ (1930), „Radetzkymarsch“ (1932), „Die Kapuzinergruft“ (1938), „Die Legende vom heiligen Trinker“ (1939)
  • Politische Haltung: Zunächst linksorientiert, später Habsburger-Monarchist; entschiedener Gegner des Nationalsozialismus
  • Besonderheiten: Lebte überwiegend in Hotels, erfand wiederholt Teile seiner eigenen Biografie und verbrachte seine letzten Jahre im französischen Exil

 

 

 

 

 

 

 

Zitate, die Joseph Roth zugeschrieben werden:

„Österreich-Ungarn, das war jenes Stück Land, das der liebe Gott Kaiser Franz Joseph anvertraut hatte.“

„Sie glauben gar nicht, welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist.“

„Nicht nur Siegesalleen – auch Bedürfnisanstalten können die Gesinnung eines Volkes charakterisieren.“


Verfasst von Emma und Hanna