James Joyces 1922 erschienener Roman Ulysses erzählt im Kern etwas denkbar Alltägliches: Einige Menschen gehen ihren Beschäftigungen nach, begegnen anderen, essen, trinken, streiten, erinnern sich und kehren schließlich nach Hause zurück. Fast die gesamte Handlung spielt an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904, in Dublin – jenem Datum, an dem Joyce seine spätere Frau Nora Barnacle zum ersten Mal ausführte. Im Mittelpunkt steht Leopold Bloom, ein Anzeigenakquisiteur, der durch die Stadt zieht und dabei ebenso sehr durch seine Erinnerungen, Ängste, Begierden und Beobachtungen wandert. Daneben verfolgt der Roman den jungen Intellektuellen Stephen Dedalus, den Joyce bereits aus Ein Porträt des Künstlers als junger Mann übernommen hatte, sowie Blooms Frau Molly. Aus diesem äußerlich unspektakulären Material entwickelt Joyce einen Roman von enormer sprachlicher und formaler Vielfalt. Ulysses handelt von Ehe, Sexualität, Trauer, Religion, Politik, Nationalismus, Fremdheit und alltäglicher Körperlichkeit, vor allem aber davon, wie Menschen die Welt wahrnehmen und wie unablässig Gedanken, Erinnerungen und Sinneseindrücke ineinandergreifen. Gerade deshalb ist das Buch zugleich berühmter Klassiker und berüchtigte Herausforderung.

Worum geht es in Ulysses?

Der Roman beginnt nicht mit Leopold Bloom, sondern mit Stephen Dedalus, der am Morgen des 16. Juni in einem Martello Tower an der Dubliner Küste lebt und sich mit seinen Freunden Buck Mulligan und Haines auseinandersetzt. Stephen ist gebildet, empfindlich und von Schuldgefühlen wegen des Todes seiner Mutter belastet; zugleich versucht er, sich von Familie, Kirche und den Erwartungen seiner Umgebung zu lösen. Wenig später wechselt der Roman zu Leopold Bloom, der seiner Frau Molly das Frühstück zubereitet, sich ein Schweinenierchen brät und anschließend das Haus verlässt. Im Laufe des Tages besucht er unter anderem die Beerdigung seines Bekannten Paddy Dignam, erledigt berufliche Dinge, isst, beobachtet Menschen, denkt über seine Ehe nach und bewegt sich durch Straßen, Lokale und öffentliche Einrichtungen Dublins. Dabei weiß oder ahnt er, dass Molly am Nachmittag ihren Liebhaber Blazes Boylan empfangen wird, was seine Gedanken immer wieder beschäftigt. In der Nacht treffen Bloom und Stephen schließlich enger aufeinander; Bloom kümmert sich um den betrunkenen jungen Mann und nimmt ihn mit nach Hause, doch eine dauerhafte Vater-Sohn-Beziehung entsteht daraus nicht. Nachdem Stephen gegangen ist, legt Bloom sich zu Molly ins Bett, und der Roman endet mit ihrem langen inneren Monolog.

Eine konventionelle Handlung im üblichen Sinn besitzt Ulysses also durchaus, nur ist sie erstaunlich klein. Große Teile des Buches bestehen nicht darin, dass Außergewöhnliches geschieht, sondern darin, dass alltägliche Vorgänge mit einer fast grenzenlosen Aufmerksamkeit beobachtet werden. Ein Gedanke führt zum nächsten, ein Geruch weckt eine Erinnerung, ein Wort ruft eine Assoziation hervor, eine Begegnung verbindet Gegenwart mit Vergangenheit. Diese Konzentration auf die Wahrnehmung des Alltäglichen verbindet Joyce auf andere Weise mit Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Beide Autoren interessieren sich weniger dafür, eine Handlung möglichst geradlinig voranzutreiben, als dafür, die Bewegungen von Erinnerung und Bewusstsein literarisch sichtbar zu machen. Bei Joyce kommt allerdings ein ausgeprägter Sinn für Komik, Körperlichkeit und sprachliches Experiment hinzu.

Leopold Bloom: ein moderner Held des Alltags

Leopold Bloom gehört zu den ungewöhnlichsten Romanhelden seiner Zeit. Er ist weder mächtig noch besonders erfolgreich, weder Abenteurer noch tragischer Held, sondern ein berufstätiger Dubliner mittleren Alters, der Anzeigen vermittelt, Besorgungen erledigt und über erstaunlich viele Dinge nachdenkt. Zugleich steht er innerhalb der irischen Gesellschaft nicht völlig selbstverständlich dazu: Seine jüdische Familiengeschichte macht ihn in einer überwiegend katholischen Umgebung immer wieder zum Außenseiter, obwohl seine eigene religiöse Identität keineswegs eindeutig oder orthodox ist. Joyce nutzt diese Stellung, um Bloom zugleich als Teilnehmer und Beobachter der Dubliner Gesellschaft erscheinen zu lassen. Gerade in Begegnungen mit aggressivem Nationalismus und Antisemitismus zeigt sich seine Distanz zu Gruppen, die Zugehörigkeit durch Ausgrenzung herstellen wollen. Bloom ist dabei keineswegs als makelloser moralischer Musterheld gestaltet; seine Gedanken können voyeuristisch, eitel, kleinlich oder sexuell ausgesprochen direkt sein. Doch er besitzt eine Fähigkeit zur Empathie, die im Roman immer wieder mit der Selbstgewissheit anderer Figuren kontrastiert wird.

Unter seiner scheinbar gewöhnlichen Tagesroutine liegt zudem tiefe Trauer. Bloom und Molly haben ihren Sohn Rudy kurz nach dessen Geburt verloren, und dieser Tod belastet ihre Ehe noch Jahre später. Auch Mollys bevorstehendes Treffen mit Boylan ist deshalb nicht einfach die Geschichte einer untreuen Ehefrau und ihres betrogenen Mannes, sondern Teil einer Beziehung, in der Nähe, Sexualität, Enttäuschung, Verlust und Gewohnheit kompliziert ineinanderliegen. Bloom denkt über Mollys Affäre nach, ohne daraus den dramatischen Eifersuchtskonflikt zu machen, den ein konventioneller Roman daraus entwickeln könnte. Seine nächtliche Begegnung mit Stephen erhält vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Bedeutung: Bloom hat einen Sohn verloren, Stephen wiederum entfernt sich von seinem leiblichen Vater und sucht nach einer eigenen geistigen Position. Joyce deutet eine mögliche Ersatzbeziehung an, lässt sie jedoch gerade nicht sentimental in Erfüllung gehen. Ulysses ist auch deshalb modern, weil solche offenen Möglichkeiten häufig wichtiger bleiben als eindeutige Lösungen.

Stephen Dedalus und Molly Bloom

Stephen Dedalus bildet einen starken Gegenpol zu Bloom. Er ist jung, hochgebildet und intellektuell ehrgeizig, zugleich aber finanziell unsicher, innerlich isoliert und von seiner Vergangenheit verfolgt. Während Bloom die Welt häufig durch konkrete Sinneseindrücke, Menschen, Essen, Körper und praktische Probleme wahrnimmt, bewegt Stephen sich stärker in philosophischen, theologischen und literarischen Zusammenhängen. Seine Gedanken über Shakespeare können ebenso faszinierend wie selbstverliebt wirken; Joyce stellt Gelehrsamkeit nicht automatisch als Weisheit dar. Zwischen Stephen und Bloom liegt damit nicht nur ein Altersunterschied, sondern auch ein Unterschied der Lebenshaltung. Bloom ist häufig pragmatischer und menschlich aufmerksamer, Stephen dafür radikaler in seinem Bedürfnis nach geistiger Unabhängigkeit. Dass die Wege beider Männer sich im Verlauf des Tages immer stärker annähern, gehört zu den wichtigsten Bewegungen des Romans.

Molly Bloom wiederum erhält am Schluss eine eigene, mächtige Stimme. Ihr berühmter innerer Monolog korrigiert zugleich manches von dem, was der Leser zuvor überwiegend aus Leopolds Perspektive über ihre Ehe erfahren hat. Molly erinnert sich an frühere Liebhaber, an Leopold, an ihre Jugend, an Sexualität, Mutterschaft und Enttäuschungen und bewegt sich dabei nahezu ungefiltert zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Sie erscheint dadurch weder als bloße Ehebrecherin noch als idealisierte Frau, sondern als eigenständige Figur mit Begehren, Erinnerungen und Widersprüchen. Der Roman endet nicht mit einer endgültigen Aussöhnung zwischen den Eheleuten, wohl aber mit Mollys berühmtem bejahenden „Yes“, das auf ihre Erinnerung an Blooms Heiratsantrag zurückführt. Gerade weil Joyce zuvor so viel Unsicherheit, Entfremdung und Zerstreuung gezeigt hat, erhält dieses Ende seine besondere Wirkung.

Bewusstseinsstrom – aber viel mehr als nur „laut denken“

Berühmt geworden ist Ulysses vor allem durch die Darstellung innerer Gedanken, häufig unter dem Schlagwort „stream of consciousness“, also Bewusstseinsstrom. Das darf man sich jedoch nicht einfach so vorstellen, als lasse Joyce seine Figuren über Hunderte Seiten „laut denken“. Er versucht vielmehr, sprachlich nachzubilden, wie Bewusstsein tatsächlich springen kann: Gedanken brechen ab, Wörter lösen Erinnerungen aus, Sinneseindrücke mischen sich mit Fantasien, und vieles wird nicht in vollständigen grammatischen Sätzen formuliert. Besonders bei Bloom entsteht dadurch eine bemerkenswerte Nähe zum scheinbar Nebensächlichen. Der Leser begegnet nicht nur großen Gedanken über Leben und Tod, sondern auch Hunger, Verdauung, Werbung, Gerüchen, Geld, sexuellen Vorstellungen oder der Frage, was man als Nächstes essen könnte. Joyce hebt damit die traditionelle Trennung zwischen „würdigem“ literarischem Stoff und banalem Alltag weitgehend auf.

Noch wichtiger ist allerdings, dass Ulysses keineswegs durchgehend in derselben Technik geschrieben ist. Die achtzehn Episoden experimentieren mit immer neuen Formen: Ein Kapitel imitiert Zeitungsschlagzeilen, ein anderes organisiert Sprache nach musikalischen Prinzipien, wieder ein anderes wird zu einer halluzinatorischen Bühnenszene. In „Oxen of the Sun“ durchläuft die Sprache parodistisch verschiedene Entwicklungsstufen der englischen Prosa, während „Ithaca“ Fragen und Antworten in einer scheinbar wissenschaftlich-katechetischen Form anordnet. Joyce verändert also nicht nur die Perspektive, sondern immer wieder die Regeln, nach denen erzählt wird. Genau darin liegt sowohl der Reiz als auch die Schwierigkeit des Buches. Wer Ulysses ausschließlich als Roman des Bewusstseinsstroms beschreibt, erfasst daher nur einen Teil seines formalen Experiments.

Was hat Ulysses mit Homers Odyssee zu tun?

Der Titel verweist unmittelbar auf Odysseus, dessen lateinischer Name Ulysses lautet. Joyce ordnete Figuren und Episoden seines Romans lose Strukturen aus Homers Odyssee zu: Leopold Bloom entspricht in diesem Spiel Odysseus, Stephen Dedalus lässt sich mit Telemach vergleichen und Molly Bloom mit Penelope. Auch einzelne Situationen greifen Motive des antiken Epos auf, allerdings häufig ironisch, verkleinert oder stark verfremdet. Aus den jahrelangen Irrfahrten eines heroischen Kriegers wird ein Tag eines Anzeigenakquisiteurs in Dublin; gefährliche Abenteuer verwandeln sich in Kneipenbesuche, Straßenwege, Gespräche und Auseinandersetzungen. Gerade dieser Gegensatz gehört zur Pointe. Joyce verlegt das Epos aus der Welt des Mythos in die moderne Großstadt und zeigt, dass auch ein gewöhnliches Leben voller Prüfungen, Verlockungen, Verluste und Heimkehrbewegungen sein kann.

Daraus folgt aber nicht, dass man Homers Odyssee zuerst gelesen haben muss. Kenntnisse des Epos erschließen zusätzliche Anspielungen und Strukturen, doch Ulysses funktioniert nicht wie ein Rätselbuch, bei dem nur derjenige den eigentlichen Text versteht, der jede Referenz entschlüsseln kann. Im Gegenteil kann der Versuch, jede mythologische, theologische, historische und literarische Anspielung sofort nachzuschlagen, die Lektüre tatsächlich lähmen. Eine kommentierte Ausgabe ist hilfreich, besonders bei schwer verständlichen Stellen, aber man muss ihren Apparat nicht bei jedem Satz konsultieren. Sinnvoller ist es häufig, zunächst der unmittelbaren Szene, der Stimme und dem Rhythmus zu folgen und Hintergrundinformationen selektiv hinzuzunehmen. Die Homer-Bezüge vertiefen den Roman; sie sind nicht seine Eintrittskarte.

Dublin, Politik und die moderne Großstadt

Dublin ist in Ulysses weit mehr als eine Kulisse. Joyce rekonstruiert Straßen, Geschäfte, Kneipen, Zeitungen, Verkehrsmittel und öffentliche Orte mit solcher Genauigkeit, dass die Stadt selbst fast den Rang einer Hauptfigur erhält. Dabei ist das Dublin von 1904 eine politisch angespannte Stadt innerhalb des Vereinigten Königreichs, geprägt von irischem Nationalismus, katholischer Tradition, britischer Herrschaft und den Nachwirkungen des politischen Konflikts um Charles Stewart Parnell. Diese Themen tauchen jedoch nicht als historische Vorlesung auf, sondern in Gesprächen, Ressentiments, Zeitungstexten und beiläufigen Bemerkungen. Besonders deutlich wird dies dort, wo ein aggressives Verständnis irischer Identität Bloom wegen seiner Herkunft die Zugehörigkeit abspricht. Joyce zeigt damit, wie politische Ideen in Alltagssprache, Witzen, Feindbildern und persönlichen Kränkungen weiterleben.

Auch literarisch wird Dublin als moderne Großstadt erfahrbar. Menschen kreuzen einander, ohne sich wirklich zu begegnen, Werbeslogans und Schlagzeilen dringen in das Denken ein, unterschiedliche Gespräche überlagern sich, und die Stadt produziert einen permanenten Strom von Eindrücken. In dieser Hinsicht weist Ulysses auf jene Großstadtliteratur voraus, die wenige Jahre später etwa John Dos Passos in Manhattan Transfer mit Montage, Reklame, Nachrichtenfragmenten und wechselnden Lebensläufen weiterentwickelte. Joyce interessiert sich jedoch stärker für einzelne Bewusstseine: Dublin entsteht nicht nur durch Straßen und Gebäude, sondern daraus, wie verschiedene Menschen dieselben Orte erleben. Die Stadt ist deshalb zugleich geografisch sehr konkret und subjektiv vielfach gebrochen.

Wie liest sich Ulysses heute?

Der Ruf des Romans als beinahe unlesbares Monument ist ebenso verständlich wie übertrieben. Einige Kapitel sind tatsächlich außerordentlich schwierig und verlangen Geduld, weil Joyce sprachliche Konventionen bewusst zerstört oder ein dichtes Netz aus Anspielungen aufbaut. Andere Passagen sind dagegen überraschend unmittelbar, komisch und lebensnah. Bloom ist gerade deshalb eine zugängliche Figur, weil seine Gedanken nicht permanent erhaben sind: Er beobachtet Menschen, denkt über Essen nach, sorgt sich um Geld, begehrt Frauen, erinnert sich an peinliche Situationen und versucht, durch einen komplizierten Tag zu kommen. Wer erwartet, ständig eine tiefere symbolische Bedeutung entschlüsseln zu müssen, macht sich die Lektüre deshalb schwerer als nötig.

Die sinnvollste Haltung gegenüber Ulysses besteht wahrscheinlich darin, nicht alles beim ersten Lesen verstehen zu wollen. Joyce schrieb einen Roman, der gerade von Überfülle lebt, und selbst spezialisierte Forschung entdeckt seit Jahrzehnten immer neue Verbindungen. Daraus folgt nicht, dass jeder Leser diese Forschungsarbeit nachvollziehen muss. Man kann die Handlung verfolgen, einzelne besonders gelungene Episoden genießen und an schwierigen Stellen akzeptieren, dass manches zunächst unklar bleibt. Hilfreich sind Ausgaben mit guten Anmerkungen oder ein Kapitelkommentar, solange dieser als Unterstützung und nicht als zweiter Roman neben dem Roman benutzt wird. Wer sich auf diese Offenheit einlässt, entdeckt hinter dem berühmten Schwierigkeitsgrad erstaunlich viel Humor, Wärme und genaue Menschenbeobachtung.

Warum ist Ulysses literaturgeschichtlich bedeutend?

Die Bedeutung von Ulysses liegt nicht einfach darin, dass Generationen von Kritikern das Buch zum Klassiker erklärt haben. Joyce führte vielmehr zahlreiche Entwicklungen der literarischen Moderne in ungewöhnlicher Konsequenz zusammen: die Auflösung des allwissenden Erzählers, die Konzentration auf subjektive Wahrnehmung, den Wechsel von Stilen und Stimmen, die Montage unterschiedlicher Textsorten und die Aufwertung des scheinbar banalen Alltags. Gleichzeitig stellte er die Frage neu, was ein Roman überhaupt sein kann. Zeitung, Drama, innerer Monolog, Parodie, philosophischer Dialog, Katalog und erotische Erinnerung können innerhalb desselben Werkes nebeneinanderstehen. Diese Freiheit wirkte auf spätere Autoren weit über den engeren Kreis der Joyce-Nachfolger hinaus.

Ebenso wichtig ist die eigentümliche Verbindung von Größe und Gewöhnlichkeit. Joyce benötigt keine Schlacht, keinen Mord und keine außergewöhnliche Reise, um epische Dimensionen zu erzeugen. Ein Mann verlässt morgens sein Haus und kehrt nachts zurück, und zwischen diesen beiden Punkten öffnet sich eine ganze Welt aus Geschichte, Körper, Sprache und Erinnerung. Gerade darin liegt die Modernisierung des antiken Modells: Das Heroische wird nicht abgeschafft, sondern im Alltag neu gesucht. Ulysses wurde dadurch zu einem Schlüsselwerk des literarischen Modernismus, ohne dass daraus folgt, jeder Leser müsse das Buch lieben oder jede seiner formalen Eskapaden gleichermaßen gelungen finden.

Unser Fazit

Ulysses ist kein Roman, den man wegen seiner berühmten Stellung im Kanon ehrfürchtig bewundern muss. Er kann faszinieren und ermüden, komisch und hermetisch, sinnlich und intellektuell überladen sein – manchmal sogar innerhalb weniger Seiten. Gerade diese Widersprüche gehören aber zu dem Projekt, das Joyce verfolgt. Er möchte nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern möglichst viele Formen menschlicher Wahrnehmung und sprachlicher Darstellung in einen einzigen Tag hineinholen. Die ursprüngliche Beobachtung, dass Leser bei diesem Buch häufig in begeisterte Joyce-Verehrer und entschiedene Skeptiker zerfallen, trifft daher durchaus einen Punkt. Nur sollte man daraus keinen einfachen Gegensatz zwischen denen machen, die alle Anspielungen verstehen, und denen, die das Buch für überschätzt halten.

Interessanter ist die Frage, ob man bereit ist, sich auf einen Roman einzulassen, der nicht immer erklärt, was er gerade tut. Wer eine geradlinige Handlung und gleichmäßiges Erzählen erwartet, wird mit Ulysses wahrscheinlich kämpfen. Wer dagegen Freude an Sprache, Perspektivwechseln, Großstadtbeobachtung und literarischen Experimenten hat, kann hier erstaunlich viel entdecken. Man muss dafür weder Joyce-Spezialist sein noch Homers Odyssee auswendig kennen. Hilfreicher sind Neugier, Geduld und die Bereitschaft, beim ersten Durchgang einige Rätsel ungelöst zu lassen.

James Joyce und Ulysses – die wichtigsten Fakten

  • Autor: James Joyce
  • Titel: Ulysses
  • Erstveröffentlichung: 1922
  • Handlungsort: Dublin
  • Handlungstag: 16. Juni 1904
  • Zentrale Figuren: Leopold Bloom, Stephen Dedalus, Molly Bloom
  • Aufbau: 18 Episoden
  • Literarische Epoche: Moderne / Modernismus
  • Wichtige Themen: Bewusstsein, Alltag, Ehe, Sexualität, Trauer, Identität, Religion, Nationalismus, Fremdheit und Großstadtleben
  • Besondere Formmerkmale: innerer Monolog, wechselnde Erzähltechniken, Stilparodie, Montage und sprachliche Experimente
  • Wichtiger Bezugstext: Homers Odyssee
  • Besonderheit: Der 16. Juni wird heute als „Bloomsday“ mit Joyce und Ulysses verbunden.

Erster Satz: Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.