Rezension von Ulrike Ziemer

Heile Welt auf den Kopf gestellt!

Ein Bilderbuch das beim Betrachten und Lesen Herzklopfen verursacht. Es zieht den Leser hinein in eine andere Welt. Arno wird bald sieben Jahre alt und seine Eltern beauftragen eine Firma, die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung, mit der Gestaltung des Geburtstagsfestes. Ein Feuerwerk der Katastrophen und Pannen entwickelt sich. Arno gerät immer tiefer in eine unglaubliche Geschichte, begleitet von einem merkwürdigen Vogel mit dem Namen Uschi Schuhschnabel. Immer wenn im Verlauf der Handlung eine Frage auftaucht, bestimmt der Vogel: „Keine Fragen!“ Arno wird quasi durch die Handlung geschleudert und in letzter Minute wieder aufgefangen.

Soviel sei verraten, Arno kommt nicht zu Schaden, vielmehr gewinnt er an Erfahrung. Die erstaunten und verwunderten Eltern scheinen nicht zu begreifen was sie mit ihrem Auftrag ausgelöst haben.

Die Bilder und Texte sind doppeldeutig, so dass sich mehr Fragen als Antworten ergeben. Sich Geschichten auszudenken, die so unwirklich sind, dass sie schon wieder wahr wirken, ist große Kunst. Wenn es dabei noch gelingt den roten Faden nicht zu verlieren und die Geschichte zu einem Ende zu führen, ist die Ordnung der Welt wieder hergestellt. Allerdings bleiben Zweifel, ob nicht doch das ein oder andere durcheinander geraten ist.

Der aufmerksame Betrachter findet gleich zu Beginn des großformatigen und leuchten gelben Bilderbuches einen entscheidenden Hinweis: „Leise. Wir können einem Jungen beim Träumen zusehen“. Der Hinweis erleichtert dem verunsicherten Leser den Weg hinein in Arnos Welt. In eine Welt in der nichts so ist und so funktioniert wie wir es erwarten. Nikolaus Heidelbach fungiert als Autor und Grafiker und wer sein Buch einmal in der Hand hat kann es so schnell nicht mehr zur Seite legen. Es gelingt ihm eine Spannung aufzubauen die sich steigert, so dass Zweifel entstehen, ob Arno da noch einmal heile herauskommt.

Es passieren Dinge die selbst einem Experten im Gruseln nicht möglich erscheinen. Träumt Arno oder geschieht es wirklich? Die Ebenen vermischen sich auf fabelhafte Weise. Dem Autor ist es gelungen ein ausgewogenes Verhältnis von Text und Bild herzustellen. In den Bildern und Texten berühren sich Ironie, Humor, Magie, Surrealismus und Realität auf eine Art und Weise als gehörten sie selbstverständlich zusammen.

Herr Heidelbach, ein erfahrener Autor und Maler der bereits viele Preise gewonnen hat, zeigt mit seinem Werk eine wunderbare Freiheit der Gedanken und Bilder. Er nimmt den Betrachter mit hinein in eine verblüffende Traumwelt. Ist es Sinnestäuschung oder Realität? Die Interpretation der Geschehnisse ist offen. Gefällt es Arno oder ist es ein Albtraum? Realität oder Magie? Die Geschichte ist auf der einen Seite surrealistisch, traumhaft und unwirklich. Auf der anderen Seite widmet sie sich einem realen Thema, ein Kindergeburtstag. Eltern die sich Entlastung suchen und auf ein schönes Fest für ihren Sohn hoffen.

Es ist ein Buch das auch Erwachsene anspricht, weil sich teilweise die Ironie hinter den Erlebnissen nur ihnen erschließt. Eine Interpretation von Geschehnissen und Geschichten kann sich immer nur am aktuellen Entwicklungsstand der Menschen orientieren. So werden jüngere Kinder Schwierigkeiten haben die Doppeldeutigkeiten zu erfassen und Magie und Wirklichkeit zu trennen.

Ein Meisterwerk für Querdenker und Gruselfreunde. Ein Lehrbuch für Ängstliche das zeigt, dass auch das schlimmste und unwahrscheinlichste Chaos die reale Welt nicht auflöst. Das Buch hat ein gutes Ende, aber es bleiben sehr viele Fragen, die dazu anregen das Buch immer wieder zu betrachten und zu lesen. Bestimmt ist irgendwo eine Antwort auf die vielen Geheimnisse versteckt.

Fazit

Ein Buch das geradezu dazu auffordert gemeinsam erforscht zu werden. Lebhafte Diskusionen und Interpretationen können entstehen.

Kein Buch für Kinder unter 7 und auch kein Buch für Kinder die keine Möglichkeit haben mit anderen Menschen über das Werk zu sprechen.

Ein Spaß für alle Eltern die schon mit Grauen an den nächsten Kindergeburtstag denken. Der Humor dieses Buches leistet hier erste Hilfe. Eltern und Kindern die versuchen immer perfektere Kinderfeste zu gestalten wird ein Spiegel vorgehalten. So gesehen ist das Buch ein echter Ratgeber zur „Festgestaltung mit beschränkter Haftung“. Für die Literaturkenner unter den Eltern gibt es zusätzlich eine Menge nachzudenken, zum Beispiel über die Frage: Warum sieht Arno, dem Autor Arno Schmidt so ähnlich? Was will Nikolaus Heidelbach dem Leser damit signalisieren? Ach so, „Keine Fragen!“

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