Rezension von Ramon

„Die Geschichte der Bienen“, lange Zeit auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste, ist der erste „Erwachsenenroman“ der norwegischen Kinder- und Jugendbuchautorin Marja Lunde. Thema und Ansatz dieses Romans klingen sehr vielversprechend: Es geht um die katastrophalen Folgen des Bienensterbens für unser Ökosystem. Mittels dreier parallel aus der Ich-Perspektive erzählter Geschichten mit jeweils unterschiedlichen Hauptfiguren werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden.

Im China des Jahres 2098 gehört Tao zu den zahllosen chinesischen Arbeitern, die nach dem Aussterben der Bienen die Blüten in den Bäumen von Hand bestäuben müssen. China ist 2098 die führende Weltmacht, Amerika nach dem Kollaps im Jahr 2035 längst bedeutungslos geworden. Als Taos Sohn einen Unfall hat, darf sie ihn im Krankenhaus nicht sehen. Sie erfährt, dass man ihn nach Peking verlegt hat und begibt sich auf die Reise, um ihn aufzuspüren.

Die zweite Geschichte spielt in England Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Biologe William sieht sich selbst als gescheiterte Existenz, weil er seinen Forschungsehrgeiz zugunsten einer kinderreichen Familie aufgegeben hat. Er schöpft neuen Mut, als ihm die Idee zu einem neuartigen Bienenstock kommt.

In der dritten Geschichte kämpft der Imker George während des großen Bienensterbens in den USA 2007 um das Überleben seines Hofs. Von seinem Sohn erhofft er sich Hilfe, doch der möchte Journalist werden.

Wenn Tao in der zweiten Romanhälfte endlich in Peking eintrifft, gewinnt die zuvor nur angedeutete Dystopie mehr und mehr Konturen. Man erfährt endlich mehr über das Bienensterben, den weltweiten Kollaps des Ökosystems und die Entwicklung, die unsere Welt danach genommen hat. Hier finden sich sicher die stärksten Momente des Buchs, sowohl atmosphärisch als auch auf der Handlungsebene. Man will einfach mehr über diese dystopische Welt erfahren, gerade weil sie überhaupt nicht weit hergeholt erscheint – schon heute balancieren schließlich chinesische Arbeiter durch die Bäume und bestäuben die Blüten aufgrund des Rückgangs der Bienenpopulation mit einem Pinsel. Hiervon kann man sich etwa in dem Dokumentarfilm „More than honey“ (2012) ein Bild machen.

Dennoch konnte mich der Roman kaum einmal über längere Strecken fesseln. Das liegt zum einen daran, dass die Charaktere mich trotz einzelner interessanter Eigenheiten selten erreicht haben, sie bleiben papieren, werden nicht plastisch. Oft hatte ich das Gefühl, etwas wird mehr behauptet als erzählt.

Zum anderen weisen die beiden Handlungsstränge um William und George kaum Spannungsmomente auf. Vor allem, das ist sicher das größte Manko, würde der Roman auch ohne sie funktionieren. Denn nahezu alles, was wir von William und George über die Geschichte der Bienen erfahren, hätte man auch im Rückblick von Tao zusammenfassen können.

Lunde erzählt in ihrem Roman nicht nur davon, dass das Überleben der Menschen vom Überleben der Bienen abhängt. Familien in Krisensituationen sind ein weiteres Thema, das alle drei Geschichten verbindet. Möglicherweise wollte Lunde eine Ähnlichkeit zwischen Menschen und Bienen beschreiben, wenn es um die Sorge um die Nachkommenschaft geht, denn auch das spielt in allen drei Geschichten eine Rolle. Alle drei Ich-Erzähler haben sehr genaue Vorstellungen, was aus ihren Kindern werden soll. Insbesondere die Väter verhalten sich dabei eher autoritär und ignorant und sind sicherlich keine klassischen Sympathiefiguren.

Für einen Familienroman bleibt das Buch aber zu oberflächlich. „Die Geschichte der Bienen“ ist, was die Figurentiefe und die literarische Gestaltung betrifft, dem Jugendbuch eindeutig näher als dem Gesellschaftsroman. Nichts gegen Jugendbücher, aber dieser Roman hat keine jugendlichen Hauptfiguren und ist für keine jugendliche Zielgruppe geschrieben. Wahrscheinlich hätte es dem Roman gut getan, wenn sich Lunde für nur eine Erzählperspektive entschieden hätte und dafür mehr in die Tiefe gegangen wäre.

Fazit

Spannende Grundidee, durchdachter Plot mit überzeugender Zukunftsvision und wichtiges Thema. Schade, dass die Umsetzung über weite Strecken farblos bleibt.

Daten

Originaltitel: Bienes Historie

Verlag: btb

Erscheinungsjahr: 2017

Seitenzahl: 510

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

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