Rezension von Annemarie

Wer Arten schützen will, muss die Natur schützen. Dazu überlässt man sie und ihre Lebewesen am besten sich selbst und lässt sie in Ruhe. Seit klein auf haben wir dies gelernt und verinnerlicht. Doch stimmt das überhaupt? Werner Kunz, der Autor dieses Buches und Professor im Ruhestand an der Universität Düsseldorf, meint: Diese Auffassung ist für Mitteleuropa falsch!

Managementmaßnahmen hin zu einer unberührten Natur können auf die Artenvielfalt fatale Auswirkungen haben. In diesem umfassenden Buch zeigt er unter anderem anhand diverser Beispiele auf, dass der moderne Naturschutz ein intensives und flächendeckendes Habitatmanagement beinhalten muss.

Kunz zeigt, dass die unberührte Natur zumeist artenärmer ist als selbst nach allgemeiner Ansicht degradierte Landstriche. Das sich-selbst-Überlassen von Gebieten führt oftmals unweigerlich dazu, dass die Areale verbuschen und sich im Laufe der Zeit Wälder bilden. Das Problem ist nun, dass die meisten der in Mitteleuropa gefährdeten und bedrohten Arten nicht Waldbewohner, sondern Arten des Offenlandes sind. Eine Unterschutzstellung der Gebiete, die mit einer Verbuschung einhergeht, bringt also meist nicht eine Erhöhung der Artenvielfalt, sondern eine Verringerung mit sich! Gerade auf den degradierten Offenlandflächen hingegen leben deutlich mehr Arten.

Ein umfangreiches Inhaltsverzeichnis macht es dem Leser leicht, sich im Buch zurechtzufinden. Ein Tiernamenverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis am Ende des Buches unterstützen dies zusätzlich. Nach einer kurzen Einführung in die Thematik erläutert Kunz zunächst, wie die mitteleuropäische Landschaft in der Vergangenheit aussah. Dem schließt sich ein umfassendes Kapitel an, in dem der Begriff „Naturschutz“ näher definiert und erläutert wird.

Im vierten Kapitel geht Kunz näher auf die Roten Listen ein, in denen die gefährdeten Arten genannt sind. Im Anschluss dran erläutert er, wie sich in der jüngeren Vergangenheit die Bestände der Vögel und der Tagfalter in Mitteleuropa verändert haben. Im sechsten Kapitel macht Kunz deutlich, weshalb die Situation für die Biodiversität in Mitteleuropa anders ist, als in anderen Gegenden der Erde.

Im daran anschließenden Kapitel „Mythos Wald“ geht der Autor näher auf den von den Deutschen so geliebten Wald ein. Er deckt weit verbreitete Irrtümer auf, etwa dass die mitteleuropäischen Wälder natürlich oder artenreich sind, und geht auf die Historie ein. Dabei zeigt Kunz, dass die mitteleuropäischen Wälder schon seit der Jungsteinzeit vom Menschen gerodet und erheblich beeinflusst wurden. Er macht deutlich, dass Offenlandschaften artenreicher sind als bewaldete Gebiete.

Im achten und letzten Kapitel geht Werner Kunz von der regionalen Ebene, ergo von Mitteleuropa, auf die globale Ebene und stellt das Artensterben, welches gegenwärtig weltweit nach Ansicht vieler Experten stattfindet, infrage. Alle Fakten, die Kunz in seinem Buch darstellt, sind mit einem kurzen Quellenverweis versehen. Am Ende jedes Kapitels steht ein umfassendes Literaturverzeichnis für das jeweilige Kapitel. Abgerundet wird das Ganze durch neun Farbtafeln am Ende des Buches, die mit umfassenden Erläuterungen versehen sind.

Rezension

Dieses Buch bietet Zündstoff. Denn Kunz nagt an den Grundfesten des Naturschutzes. Und er nagt ausgesprochen gut. Seine Argumente sind ausgesprochen stichhaltig und auf mich – leider – sehr überzeugend; leider, da ich wie viele andere Deutsche, den Wald doch ziemlich mag. Leider, da ein intensives, langfristiges und effektives Habitatmanagement deutlich schwerer und kostenintensiver umzusetzen ist als ein komplettes Nutzungsverbot. Und leider, da die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands in Schutzgebieten nun einmal keine nackten und bloßen, scheinbar völlig degradierten Landschaften sehen möchte.

Das Buch ist als wissenschaftliches Buch verfasst. Und so erfüllt es auch sämtliche formalen und inhaltlichen Anforderungen an ein wissenschaftliches Buch, sodass Kunz´ genannte Fakten und Argumentationspunkte gut nachvollzogen und gegebenenfalls bei Bedarf überprüft werden können. Daher hat Kunz´ Argumentation auf mich ziemlich überzeugend gewirkt und mich zum Nachdenken gebracht.

Allerdings ist das Buch schon recht hochpreisig. Wer also kein starkes privates oder berufliches Interesse an dem Thema hat, wird sich dieses Buch wohl gar nicht erst anschaffen. Für alle Hobby- oder Berufsnaturschützer ist dieses Buch aber ein ausgesprochen lesenswertes Werk, das nicht nur ein hochinteressantes Thema behandelt, sondern auch gut und angenehm lesbar geschrieben ist.
Fazit: Für alle Naturschützer ein hochinteressantes, zündstoffreiches Fachbuch, in dem überzeugend gezeigt wird, dass eine Modernisierung in der Umsetzung des Artenschutzes dringend notwendig ist. Meiner Ansicht nach insbesondere für alle, die beruflich mit dem Natur- bzw. Artenschutz zu tun haben, sehr zu empfehlen. Durch seine gute Lesbarkeit ist es aber auch für Laien geeignet, die sich für die Thematik näher interessieren.

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