Anke Glasmacher: „Ich glaube, Lyrik funktioniert nicht nach den Mechanismen des Marktes“

Interview mit Anke Glasmacher

 

© Dincer Gücyeter, elifverlag
© Dincer Gücyeter, elifverlag

Anke Glasmacher, geboren 1969 in Bensberg, aufgewachsen im Bergischen Land. Studium der Germanistik, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Bonn und Köln. Weiterbildung an der Drehbuchschule Berlin (Drama, Kurzfilm). Lebte von 1999 bis 2011 in Berlin. Wohnt heute in Köln und arbeitet als Redenschreiberin und Autorin. Zahlreiche Veröffentlichungen, vorwiegend Lyrik und Kurzprosa. 2013 Preisträgerin beim Lyrikwettbewerb postpoetry.NRW. Zuletzt erschien ihr Lyrikband „Brot und Spiele“ im elifverlag. 

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein. Ich glaube, Lyrik funktioniert nicht nach den Mechanismen des Marktes. Vielleicht sollte Kunst das sowieso nicht. Wenn ich schreibe, will ich eine Idee, will ich mich ausdrücken, andere Autor/innen und ihre Texte sind keine Konkurrenz, sie sind Inspiration. Natürlich freue ich mich, wenn meine Literatur wahrgenommen wird. Aber dafür schreibe ich nicht.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich habe lange genug im Bereich PR gearbeitet, um Rankings grundsätzlich zu misstrauen. Was sagen sie aus? Doch nichts über Inhalt und Qualität eines Buches, sondern über das (finanzielle) Engagement der jeweiligen Marketingabteilung.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich brauche zum Schreiben die richtige Atmosphäre, Raum und Zeit. Die muss ich mir schaffen. Was mich inspiriert? Fremde Städte zu erkunden, im Café sitzen, (Street)Photo-Touren, Jazzmusik, die Nächte mit ihrer Stille. Darüber hinaus treffe ich mich regelmäßig mit anderen Autor/innen zur Textbesprechung. Die Diskussionen disziplinieren, auch zum Weiterschreiben. Außenstehende entlarven die berühmten Lieblingssätze, die den Fortgang eines Textes stören, meistens besser als man selbst.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Soziale Medien gehören inzwischen so selbstverständlich zu unserem Kommunikations-Alltag, dass es mir schwer fällt zu beziffern, wie viel Zeit ich dafür aufwende. Etwas posten, Termine veröffentlichen, Website aktualisieren, e-mails beantworten, das läuft für mich längst nebenher.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Direkte Kommunikation über soziale Medien und Lesungen. Allerdings kann man Schreiben und das dazugehörige Marketing nur schwer in einer Person bündeln. Schriftsteller/innen schreiben Texte. Sie gut zu vermarkten erfordert andere Kenntnisse und Fertigkeiten. Schriftsteller/innen sind in den seltensten Fällen gute PR-Profis in eigener Sache.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich liebe die Vielfalt der Sprache. Das geht dann von Ernst Jandl, Erich Fried, Georg Trakl bis Charles Bukowski, von Herta Müller, Max Frisch über Samuel Beckett bis Thomas Bernhard.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Es gibt sie ja, die Oasen für Newcomer: Der Lyriker Axel Kutsch z. B. gibt seit vielen Jahren bundesweit beachtete Lyrikanthologien heraus, in denen er arrivierte Autor/innen mit Debütant/innen zusammenbringt; Fixpoetry ist eine feste Größe in der Lyrikszene. Es gibt unabhängige kritische Literaturzeitungen und nicht zuletzt Literaturwettbewerbe, zu denen auch Newcomer Texte einreichen können, um auf sich aufmerksam zu machen. Da werden sie auch besprochen. Ich glaube, wer sich für moderne, junge Literatur interessiert, sucht sie nicht mehr im Feuilletonteil der großen Zeitungen.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Machen! Anfängerfehler gehören dazu und sind wichtig. Wer ernsthaft mit einer Idee für einen Text schwanger geht, der sollte seinen Text schreiben – egal in welcher literarischen Form, egal ob mit 15 oder mit 75 und erst einmal unabhängig davon, was später mit dem Text passiert, ob er z. B. in seiner ersten Form auch veröffentlicht wird.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Sicher gibt es die. Und das Schlimme ist: Man merkt es den Texten an. Es sind mit Sicherheit nicht meine besten, wenn ich um den Pudding gerudert bin. Ein guter Text entsteht, wenn ich die Schere aus dem Kopf ziehe. Wenn ich aufmerksam bleibe, gut beobachte, ehrlich zu meinem Text und meinen Protagonist/innen bin.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Schriftsteller/innen, Künstler/innen allgemein haben eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft. Sie sind ihre kritische Stimme, legen den Finger in die Wunde. Sie treten weltweit ein für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte. Diese Verantwortung und die Unabhängigkeit der Kunst sollten wir nicht leichtfertig aufgeben, indem wir uns einem reinen Unterhaltungsanspruch unterordnen, nicht mehr anecken, nur noch gefallen wollen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Wenn ich an einem längeren Projekt arbeite, dann meistens am Wochenende. Dann gibt es keine Termine, keine Verabredungen, ich stelle das Telefon aus, gucke nicht in meine e-mails, vermeide jede Ablenkung und schaffe mir so den notwendigen inneren Raum zum Schreiben.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Mein nächstes Buch ist eine lyrische Reise durch das Jahr 2014. Das war ein sehr besonderes, intensives Projekt. Mehr verrate ich dann im Frühsommer, wenn es erschienen ist.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


 

Anke Glasmacher im www

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