Anna Schneider: „Lesen, lesen, lesen. Und erst dann schreiben“

Interview mit Anna Schneider

 

© Marcella Merk
© Marcella Merk

Anna Schneider, geboren 1966 in Bergneustadt, arbeitete als promovierte Betriebswirtschaftlerin im Management einer deutschen Großbank und war außerdem als Dozentin und Coach tätig. Seit 2010 schreibt sie Spannungsliteratur für Jugendliche und Erwachsene, auch unter Pseudonym. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Anna Schneider: Natürlich denke ich darüber nach. Gerade die internationale Konkurrenz ist groß, vor allem sind diese Bücher bereits in einem perfekten Zustand, wenn sie das hiesige Lektorat erreichen. Bücher deutscher Autoren sind sicher nicht schlechter, aber oft werden sie im Rohzustand angeboten. Ein Lektor, der heutzutage immer mehr Aufgaben auf dem Tisch hat, wird sich insofern zwangsläufig gut überlegen, wie viele Autoren er sich im gegebenen Zeitbudget zumuten kann. Diese Tatsache trifft vor allem die Debüt-Autoren. Andererseits sollte man es sich auch nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Die eigene Stimme zu entdecken und an ihr zu arbeiten ist sicher eine der wichtigsten Aufgaben eines Autors. Denn egal, um welches Thema es geht: Jeder Autor würde es anders beschreiben.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Anna Schneider: Der Mensch sucht doch immer Orientierung, ich finde das ganz normal. Und gerade hierzulande haben Titel und Ehrungen eine hohe Bedeutung. Ich finde es schön, wenn Bücher empfohlen werden, egal, ob das über die Verkaufszahlen der Bestsellerlisten läuft oder über Rezensionen von Bloggern und Lesern. Immer mehr ist es jedoch so, dass Bücher, die kein großes Marketingbudget aufweisen in der Vielzahl der Veröffentlichungen schlicht untergehen. Insofern finde ich die klassische Empfehlung von Mund zu Mund sehr hilfreich. Ob daraus ein Bestseller wird, bleibt allerdings fragwürdig.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Mein Geheimrezept ist sehr schlicht: Wenn es in irgendeiner Hinsicht klemmt, dann arbeite ich an etwas anderem oder gönne mir eine komplette Auszeit. Meistens springen mich die Lösungen des Problems dann in einer völlig unerwarteten Situation von selbst an.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich finde es sehr schön, dass ich heute mit meinen Lesern in direktem Kontakt stehe, egal ob auf den Plattformen der sozialen Medien, bei Lesungen oder auf Messen. Mir gefällt es sehr, dass die Leser mich kennenlernen möchten, meine Meinung schätzen und nicht nur die von mir erdachten Figuren und Geschichten. In Musik und Film ist das ja schon länger so. Ich denke, jeder sollte sich so viel Zeit nehmen, wie er möchte. Persönlich versuche ich so oft und so schnell wie möglich zu antworten. Stecke ich mitten in der Arbeit an einem Buch, geht das natürlich nicht so häufig, aber dafür haben meine Leser Verständnis.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Da bin ich leider überfragt. Ich bin ganz klassische Verlagsautorin und habe zum Glück dort Fachleute, die diese Aufgaben für mich übernehmen. Aber ich denke, dass es nur schwer planbar ist, welches Buch bei den Lesern ein echter Hit wird und welches nicht. Das macht den Buchmarkt sicher einerseits schwierig, andererseits auch sehr spannend. Das Wichtigste ist und bleibt, gute Bücher zu schreiben, die den Lesern gefallen.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich lese schon von meiner Kindheit an und es hat immer wieder Autoren gegeben, die mich begeistert und inspiriert haben. Minette Walters und Elisabeth George habe ich es zu verdanken, dass ich den Spannungsbereich für mich entdeckt habe. Sehr gerne lese ich auch Charlotte Link, wobei meine eigenen Bücher sehr wenig mit ihrer Art zu schreiben gemein haben.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Wenn ich das wüsste, wäre ich sicher selbst schon Bestseller-Autorin… Offen gestanden bedauere auch ich diese Barriere, die es ganz offensichtlich gibt. Genauso wenig verstehe ich, dass Verlage einen hohen Werbeetat in Bücher namhafter Autoren stecken, die sich ohnehin gut verkaufen, statt in den Aufbau neuer Autoren. Andererseits garantiert eine Besprechung in Feuilletons nicht zwangsläufig gute Zahlen bei den Buchverkäufen.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Lesen, lesen, lesen. Und erst dann schreiben. Vielleicht nicht unbedingt gleich das große Buch, sondern erst einmal Gedanken und kurze Geschichten. Das Schreiben ist ein Handwerk und kann durchaus geübt werden. Je mehr man daran arbeitet, umso besser wird das Produkt. Sucht man sich kritische Test-Leser, können sicher viele Ungereimtheiten und Fehler im Vorhinein aufgedeckt werden. Hierbei kann jeder auch seine Kritikfähigkeit und Durchhaltevermögen schulen. Beides sind für mich wichtige Erfolgsfaktoren, wenn man diesen Beruf ausüben will.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Die gibt es tatsächlich: Ich finde es unglaublich schwer, unterhaltsame Komik zu schreiben. Bei Kurzgeschichten habe ich schon häufiger lustige Geschichten entwickelt, die aber auf einer Ebene des sehr platten Humors geblieben sind. Intelligente Komik zu schreiben, ist eine echte Kunst. Gleiches gilt im übrigen für die von Ihnen angesprochene Erotik.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Heikel kann letztlich alles sein, was geschrieben wird. Ich denke aber, dass gerade die Kriminalliteratur eine geeignete Plattform zur Behandlung aktueller Problemfelder bietet, egal ob sie politisch oder gesellschaftskritisch orientiert sind. Eine differenzierte Darstellungsweise und gute Recherche kann auch in diesem Bereich der Literatur Menschen für solche Themen sensibilisieren, auf deren Hintergründe und Wirkungen hinzuweisen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Das kommt ganz darauf an, ob ich mich in der Entstehungsphase einer Geschichte befinde oder ob ich sie schreibe. Wenn ich in der Schreibphase bin, habe ich Seitenpensum, das ich in der Woche erreichen möchte. Wenn ich in der Entstehungsphase bin, lese ich Hintergrundliteratur, mache Recherchen etc. Allerdings lässt sich das nicht in Stunden messen, die ich am Schreibtisch sitze, denn die Geschichten und Figuren wachsen auch bei Spaziergängen oder beim Kartoffelschälen in meinem Kopf weiter, genauso wie ich durchaus einige Stunden vor einem leeren Blatt sitzen kann.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Das Buch, an dem ich aktuell arbeite wird ein Jugendroman. Da ich mich aber erst in der Entstehungsphase befinde, kann ich noch nicht viel zum Inhalt sagen. Nur soviel: Eine Liebesgeschichte kommt ganz sicher darin vor.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


 

Anna Schneider im www

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