Georg Bydlinski: „Eigentlich beeinflusst einen jedes Buch, das man liest“

 Interview mit Georg Bydlinski

 

Georg Bydlinski,1956 in Graz geboren, lebt mit seiner Familie in Mödling bei Wien. Er studierte Anglistik und Religionspädagogik an der Wiener Universität (Mag. phil.) und ist seit 1982 freier Schriftsteller. Bydlinski schreibt Kinderliteratur, Gedichte und Erzählungen. Für seine rund 80 Bücher wurde der Autor mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Literaturförderungspreis des Landes Niederösterreich, den Kinderbuchpreisen der Stadt Wien und des Landes Steiermark. 2001 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik, 2005 den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis, 2012 den Friedrich-Bödecker-Preis.

© Birgit Bydlinski
© Birgit Bydlinski

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, das wäre zu demotivierend. Wichtig ist nur, dass eine neue Grundidee da ist, die ein Buch trägt. Dann will es einfach geschrieben werden.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Bestsellerlisten sind interessant, was den Massengeschmack betrifft. Zum Glück gibt es aber auch viele „Nischen-Geschmäcker“. Bestenlisten spiegeln quantifizierbare Objektivität vor, die es in der Literatur nie wirklich geben kann. Außerdem ist nicht immer ganz klar, wie solche Rankings zustande kommen. Das Star-Prinzip spielt verstärkt auch im kulturellen Bereich mit. Und es würde mich nicht wundern, wenn geschickte Verlags-Marketingabteilungen da auch mitspielen …

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Spazierengehen und nachdenken. Wenn das nichts nützt: etwas ganz anderes machen, z. B. die Buchhaltung. Am nächsten Tag geht es meistens wieder.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Auf meiner Website www.georg-bydlinski.at findet man alle meine Bücher samt Leseproben, meine Lesungstermine sowie „Gedichte des Monats“ für Kinder und Erwachsene. Für die sozialen Medien fehlen mir Zeit und Lust.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Ich habe Literatur eigentlich nie unter Marketingaspekten betrachtet. Ich finde es wichtig,  mit Veröffentlichungen (anfangs in Zeitschriften) und Auftritten präsent zu sein und eine eigene Stimme zu entwickeln. Der „solidarisch-kritische“ Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, das gegenseitige Lesen von Manuskripten hat mir da sehr viel geholfen. Man kann auch gemeinsame Lesungen organisieren. In der Literatur finde ich die persönliche Begegnung immer noch sehr wichtig, im Kollegenkreis, aber auch bei Veranstaltungen mit Leserinnen und Lesern.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Viele – eigentlich beeinflusst einen jedes Buch, das man liest. Man sieht, wie andere ihre Geschichten oder Gedichte aufbauen. Manches gefällt, anderes weniger. Aber man muss ohnehin den Sprung zum Eigenen machen.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Ich komme wieder auf das schon genannte Star-Prinzip zurück: Das Bekannte wird noch bekannter gemacht, alles andere fällt aus dem Blickwinkel. Das ist aber ein Problem in allen Bereichen der Öffentlichkeit, nicht nur in der Literatur. Es müsste grundsätzlich eine größere Neugier geben, sowohl bei den Rezensentinnen und Rezensenten als auch bei den Leserinnen und Lesern.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Schreiben lernt man nur durch Schreiben, so wie man etwa Fußballspielen auch nicht durchs Zusehen lernen kann. Jeder macht Anfängerfehler. Mein Rat: Betrachte sie als erste Stufe einer Treppe.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Es ist immer leichter, wenn man seinen Hauptpersonen eigene Erfahrungen „leihen“ kann. Deshalb tue ich mir z. B. als Nichtautofahrer mit Autofahrdetails in einer Geschichte schwerer, als wenn ich eine Wanderung beschreibe. Aber natürlich bin ich auch schon oft Beifahrer gewesen, und man kann immer jemanden fragen, der sich irgendwo besser auskennt. Auch, was eigenerfahrungsfremde Berufe und Arbeiten betrifft.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Von der Grundvoraussetzung darf nicht abgegangen werden: jeder Mensch muss die gleichen Rechte haben, darf den gleichen Respekt verlangen – solange er oder sie selber die Rechte der anderen respektiert.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Wenn die Anfangsidee da ist und ich an einer längeren Erzählung schreibe, versuche ich jeden Vormittag ein gewisses Pensum zu schaffen. Am nächsten Tag wieder, in einem zusammenhängenden Zeitraum. Gedichte sind eher unverfügbar, sie entstehen oft auf Zugfahrten oder Wanderungen.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Im Moment habe ich einige Projekte abgeschlossen und bin intensiv auf Lesereisen unterwegs. Vielleicht fliegt mir ja da eine neue Idee zu…

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Weitere Hintergründe zum Autor

Georg Bydlinski war langjähriges Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen und Autoren und Libero des österreichischen Autoren-Fußballnationalteams.
Auf Lesereisen hat Bydlinski nicht nur seine Bücher mit, sondern auch die Gitarre. Er hat eigene Texte für Kinder und für Erwachsene vertont und umrahmt mit diesen Liedern seine Lesungen.


Informationen zu allen Büchern finden Sie auf der Homepage www.georg-bydlinski.at

 

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