Hermann Cölfen: „Wenn sich die Feuilletons nicht ändern, wird die nächste Generation sie ignorieren“

Interview mit Hermann Cölfen

 

© Elisabeth Cölfen (Duisburg)
© Elisabeth Cölfen (Duisburg)

Geboren am 1959 in Duisburg.  1993 M. A., 1999 Promotion zum Dr. phil. mit einer linguistischen Untersuchung deutscher Werbeanzeigen im Zeitvergleich. Seit 2001 Schreiben von Kriminalgeschichten. Seit 2007 Kustos der Germanistik an der Universität Duisburg-Essen. Von Mitte 2009 bis 2012 Chefredakteur der Kochbuch-Couch, www.kochbuch-couch.de, dem Online-Magazin für Kochbücher aus aller Welt. Seit 2010 Prodekan der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2012 Professor für Linguistik und Mediendidaktik in der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. Hermann Cölfen lebt und schreibt gemeinsam mit Sabine Walther in Duisburg.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, denn das wäre fürs Schreiben kontraproduktiv. Wenn ich schreibe, bin ich ja schon entschlossen und habe ein Konzept. Jedes neue Buch ist etwas Singuläres – sonst wäre es ein Plagiat. Und Konkurrenz ist ja nichts Neues und in der Literatur sehr willkommen. Ich bin schließlich auch durch Bücher anderer motiviert worden.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich finde sie so langweilig wie die meisten Talkshows: Immer die gleichen Gestalten, immer die gleichen Phrasen … Ich lese lieber in Verlagsankündigungen, Feuilletons und Rezensionsplattformen über neue Bücher. Und Interviews mit AutorInnen lese ich auch gern.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Weiterschreiben, auch wenn das Geschriebene später verworfen wird. Nicht-Schreiben bei Blockaden verlängert den Frust nur. Selbst wenn es nur eine halbe Seite ist: Besser nur ein paar Sätze als für längere Zeit unterbrechen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Als Nebenbei-Autor (bin im Hauptberuf Wissenschaftler) setze ich eher auf Lesungen und das Gespräch mit Buchhändlern. Wenn der Schwerpunkt sich vom Buch auf das Reden über das Buch verschiebt, läuft was falsch. Der Markt ist der Ort, an dem Bücher gehandelt werden – die Handlung selbst sollte im Buch bleiben.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Ich würde dazu raten, nach Agentinnen oder Agenten zu suchen, wenn man es hauptberuflich machen möchte. Auf lange Sicht kann man nicht gleichzeitig Bücher verkaufen und schreiben. Als nebenberuflicher Autor (oder Hobbyautor) würde ich mich zunächst im E-Book-Markt ausprobieren. Dabei würde ich Amazons Kindle aber meiden – zu viel Schrott und (auch deshalb) zu unübersichtlich, wenn auch technisch sehr ausgefeilt, gerade für Anfänger.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Zunächst waren das tatsächlich einige Klassiker (lieber Schiller als Goethe, lieber Hermann Hesse als Thomas Mann), später dann Heinrich Böll und Max Frisch, und noch später bei den Krimis Conan-Doyle, Simenon und die englischen Serienautorinnen wie Elisabeth George und Martha Grimes. Bis heute aber fasziniert mich die Schlichtheit der Syntax und Lexik bei Hermann Hesse: Ich habe keine Ahnung, warum die Texte (für mich) zum Teil bis heute so ergreifend sind.  Aber sie sind es.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

In den Feuilletons müssten jüngere Journalisten an die Arbeit – vorzugsweise Leute, die nicht durch die Mangel des Mainstreams schon zu Formfleisch verarbeitet worden sind. Die Hierarchien sind zu starr, und wenn man sich die Partys am Ende der Buchmesse in Frankfurt anschaut: ein reines Familienfest. Wie sollten sich bei so viel Kungelei Newcomer durchsetzen? Immer wieder aber suchen sich die Medienmächtigen Frischfleisch: Dann werden ganz durchschnittliche oder nicht selten auch unterdurchschnittliche Bücher gehypt. Wenn sich die Feuilletons nicht ändern, wird die nächste Generation sie ignorieren und andere Wege suchen. Es läuft ja schon in diese Richtung.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Die Erwartung senken, was den finanziellen Erfolg des ersten Buches betrifft und stattdessen länger am Buch arbeiten. Wenn man denkt, das Buch sei satzreif: Noch einmal  zwei Monate liegen lassen und dann noch mal gründlich durcharbeiten.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Gute Dialoge sind nicht leicht zu schreiben. Ich selbst habe vor allem mit Landschaftsbeschreibungen oder Schilderungen räumlicher Gegebenheiten zu kämpfen – vermutlich fehlt mir die Fähigkeit, präzise konkret räumlich zu denken. Daran kann man aber arbeiten, indem man von anderen lernt.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Wie man in meiner Region so sagt: Wat mutt, dat mutt. Wenn die Geschichte es erfordert, kann man heikle Bereiche nicht aussparen. Dabei ist solide Sachkenntnis aber ganz wichtig. Von Autoren erwarte ich, dass sie es schaffen, zu provozieren, wo es sein muss, aber auch aufzuzeigen, wo Annäherungen denkbar sind. Im Vordergrund muss aber die Geschichte stehen, die man erzählen will. Das grenzt eine Erzählung gegenüber einem Sachbuch ab.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Inzwischen habe ich einen Schreibtag, an dem ich mein Büro verlasse, um Distanz zu anderen Schreibzusammenhängen herzustellen. Nur so schaffe ich es, mich zu konzentrieren.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Das nächste Buch wird ein Sachbuch, ein Ratgeber über berufsbezogene Textsorten. Danach (2016) folgt ein Kochbuch (mein erstes), das ich gemeinsam mit einem Koch und einer Foodfotografin produzieren möchte. Und dann folgt wieder ein Krimi …

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

 


Der Autor bei „Literatur im Netz

 

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