Ingo Munz: „Schreibe ich nicht, bin ich nicht“

Interview mit Ingo Munz

 

Ingo Munz, geb. 1973 Erlenbach am Main, lebt in Essen. Er schreibt Prosa, Drama und Lyrik.

Ingo Munz  Foto Alexandra Breitenstein
Ingo Munz
Foto Alexandra Breitenstein

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Natürlich nicht! Bevor der erste Buchstabe geschrieben steht, gehe ich davon aus: Dieses Buch wird das beste und bedeutendste, das die Welt je gesehen hat. Dieses Buch wird die Menschheit den entscheidenden Schritt nach vorne bringen. Ich gestehe ein, dass ich mich im Verlaufe der Arbeit bisweilen relativieren muss. Fest steht aber dennoch: Wer nicht das beste Buch schreiben will, sollte es sein lassen.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Solange ich besagte Rankings nicht anführe, werde ich sie verabscheuen! Gewisse Anzeichen sprechen dafür, dass wir unter diesen Umständen wohl nie gute Freunde werden.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich habe kein Geheimrezept. Der Selbstzweifel ist wie mein Schatten. Er begleitet mich stetig, ich kann ihn nicht abwerfen, ich habe mich an ihn gewöhnt, reiche ihm täglich die Hand. Auch habe ich immer viel zu tun. Aber auch hier arrangiere ich mich mittlerweile mit dem Gedanken, dass ich irgendwann ins Gras werde beißen müssen, ohne mit der Arbeit fertig geworden zu sein. Und die Schreibblockaden? Die kenne ich nicht, Gott sei Dank! Ich habe keine Ausbildung, habe nur ein wenig herumstudiert, wollte einfach nur Schriftsteller sein. Jetzt bin ich es, mehr aber auch nicht. Das ist meine Identität. Schreibe ich nicht, bin ich nicht. Ich habe gar keine andere Wahl, aber genauso wollte ich es haben.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Sehr viel, gewiss die Hälfte meiner Arbeitszeit. Ohnehin kann ich nur maximal drei Stunden am Tag schreiben, danach bin ich durch, durch den Wind. Außerdem rede ich gerne über Literatur, vor allem über meine, selbst dann, wenn ich mal einen drauf kriege.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Da setze ich noch immer auf den Mund, den eigenen. Und ja, einem Newcomer sage ich: Eine große Klappe schadet ganz gewiss nicht, sofern sie zu einem Kopf gehört, der zumindest gewillt ist, eigene Gedanken zu denken. Goethe hat es ja zu einer gewissen Popularität gebracht, gerade weil er zu allem seinen Sermon abgab.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Die Literatur kann, was andere Künste nicht oder nur kaum vermögen: Sie kann in den Kopf von uns Menschen blicken. Meine Welt der Literatur ist die der Gedanken. Somit ist klar, dass ich Schnitzler und Bernhard, Musil und Proust bereitwillig lese. Ich lache bei Charms, Diderot und Voltaire, bei Jerofejew, Beckett und sogar bei Nietzsche. Hölderlin und Kleist bete ich an. Um sein dramatisches Geschick beneide ich Hauptmann, um seine Metaphorik Robert Walser. Und ich mag es, wenn Menschen mit Leidenschaft für eine Sache stehen, wie Klaus Mann und Erich Mühsam, wie Heinrich Böll und selbst Céline. Das alles aber sind nur Beispiele. Ich liebe Hunderte, die meisten sind längst tot.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Es werden immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, wegen der üblichen Bedingungen des Marktes, die in unseren Gefilden üblicherweise bestimmt werden von Raffgier und gelenkter Meinungseinfalt. Da ich allerdings an einen Fortschritt im humanistischen Sinne glaube, denke ich, dass in etwa zweitausend Jahren auch Newcomer wieder eine Chance haben werden.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

In meinem ersten Roman, der glücklicherweise unveröffentlicht ist und auch unveröffentlicht bleiben wird, will ich aller Welt zeigen, wie viel ich schon weiß. Da fliegen dem Leser, also mir, die großen Namen aus Philosophie und Literatur nur so um die Ohren. Das ist lächerlich. Das machen ja schon die Wissenschaftler. Der Literat – natürlich muss er wissen, was Foucault meint und Hegel will – aber er sollte sein Wissen derart subtil einstreuen, dass es der Leser nicht bemerkt.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Oh ja, da gibt es allerhand Themen. Aber mit den Jahren habe ich eine Lösung gefunden: Was ich nicht leichter Hand beschreiben kann, das beschreibe ich nicht. Sex-Szenen gehören gottlob nicht dazu. Trotzdem setze ich sie sehr behutsam ein, da meine Leser oft sehr verstört reagieren; sie sind ja durch »Fifty Shades of Grey« oder »Darkroom« eher auf Blümchensex eingestellt worden.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Ich sage meine Meinung, sonst hätt‘ ich ja auch Journalist bleiben können. Mit anderen Autoren bin ich strenger: Die müssen natürlich ganz genau wissen, worüber sie schreiben.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Die bittre Wahrheit ist die: Ich schreibe andauernd, den ganzen Tag. Entweder in Gedanken oder aber direkt aufs Papier. Ich bin eindimensional, prüfe alles auf literarische Verwertbarkeit. Das macht mich zu einem wenig liebenswerten, weil wenig aufmerksamen Zeitgenossen.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Alle meine Bücher handeln von der Liebe. Ein anderes Thema habe ich nicht. Das letzte Buch hieß »Das Nichts und die Liebe«, dasjenige, an dem ich gerade arbeite, heißt »Eine Liebe». Das nächste wird heißen »Liebe«. Danach geht es hoffentlich wieder von vorne los, so in etwa.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Ingo Munz im www:


 

Zuletzt erschienen von Ingo Munz, u.a.:

Das Nichts und die Liebe. Ein gänzlich humorloses, dafür durchaus politisches Erzählwerk. Verlag Ingo Munz, Essen: 2014.

Unser Stupor itzt in Ödnis unterm bunt-gescheckten Firnis der Verführung. In: Unserheft, Texte und Bilder. Hrsg.: U. Helmbold, S. Michaelsen, I. Munz. Heft 1. Verlag Ingo Munz, Essen: 2014.

Der Sargbauer zu Fretter im Sauerland. Ein Hörstück von Ingo Munz; Musik und Tonregie: Rudy Radu. Verlag Ingo Munz, Essen: 2013.

Klavierpoesie: Träumen, philosophieren, genießen: Zeitgenössische Lyrik, begleitet und veredelt von zeitgenössischer Komposition. Verlag Ingo Munz, Essen: 2013.

Hätte, Wenn und Aber. In: Stimmenwechsel. Poesie längs der Ruhr. Klartext-Verlag, Essen: 2010.

Das Türenkonzert (Inszenierte Lesung mit Traugott Buhre). Verlag Stimmbuch, Köln: 2008.

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