Jörg Isermeyer: „Bedeutung ist einfach ein knappes Gut – da wird es nie ein Rezept zum Ruhm geben.“

Interview

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein. Dann denke ich ans Schreiben, nicht ans Verkaufen. Allerdings überkommt mich beim Betreten einer Buchhandlung schon ab und zu so ein Gefühl von: Wozu machst du das eigentlich? Als ob die Welt gerade auf ein Buch von dir warten würde!?!

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich ignoriere sie. Massenhafter Verkauf war noch nie ein Zeichen von Qualität, eher für gutes Marketing. Allerdings hätte ich nichts dagegen, selber mal dort aufzutauchen – es ist ja auch kein Zeichen von schlechter Qualität.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Wenn’s gar nicht weiter geht: nicht auf den leeren Bildschirm starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Computer zuklappen und was ganz anderes machen, z.B. eine Runde joggen oder spazieren gehen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich bin Facebook-Abstinenzler … und das Netz ist ein Zeit-Killer. Werbung überlasse ich deshalb dem Verlag. Allerdings mache ich gern Lesungen, da kümmere ich mich bei Gelegenheit auch selbst um Möglichkeiten.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Das machen, was einem liegt. Wenn Sie Facebook-Fan sind, dann werben Sie auf Facebook. Wenn Sie gerne telefonieren, dann rufen Sie alle Leute an, die Ihnen weiterhelfen können. Und wenn Sie Lust auf schräge Aktionen haben, dann stellen Sie sich auf den Marktplatz oder in den Supermarkt und machen eine Guerilla-Lesung.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich lese gerne kreuz und quer, auf viele Bücher stoße ich durch Zufall, z.B. auf dem Flohmarkt. Aber wenn Sie einen Namen hören wollen: Mark Twain.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Das Nadelöhr des großen Feuilletons wird ja gerade durch andere Kanäle wie Social media, Youtube, Internet-Ranking etc. ergänzt – die aber auch wieder ihre eigenen Mechanismen haben, sprich: ihre eigenen Stars produzieren. Bedeutung ist einfach ein knappes Gut – da wird es nie ein Rezept zum Ruhm geben. Nicht einmal für die, die es verdient hätten.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Schauen Sie in den Spiegel und fragen Sie sich: will ich das wirklich? Ein Buch schreibt sich nicht nebenbei, das ist – wenn Sie es ernst meinen – Knochenarbeit. Und dann fragen Sie sich: wer bin ich? Welchen Anfängerfehler sie machen, hängt nämlich von Ihnen ab. Die einen sind z. B. zu selbstbewusst, nehmen keine Kritik an und entwickeln sich nicht, die anderen nehmen jede Kritik an und verlieren ihren eigenen Weg.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Sex-Szenen habe ich noch nicht probiert – aber das passt auch nicht unbedingt zum Genre Kinderbuch

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Ich selbst begreife mich als politischen Autor, im Sinne von: Wenn ich nichts zu sagen habe, brauche ich auch nichts zu schreiben. Das gilt für jedes Thema. Aber wenn ich zu einem Thema schreibe, nur weil es gerade aktuell ist, dann sollte ich es lieber bleiben lassen. Das Wiederkäuen sollten wir den Kühen überlassen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Früher war das chaotischer … mal morgens, mal abends, mal nachts. Aber seitdem ich auf der einen Seite dem Schreiben mehr Raum geben will und auf der anderen Seite seit der Geburt meines Sohnes die Zeit knapper geworden ist, muss ich mich da stärker „disziplinieren“. Jetzt schreibe ich meist vormittags, wenn er in der Schule ist.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Generell: Was im Leben wichtig ist. Konkret spielt sich dass dann irgendwo zwischen Straßenmusik und Depression ab.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Kurzbiografie

(c) Jörg Isermeyer
(c) Jörg Isermeyer

Jörg Isermeyer, geboren 1968 in Bad Segeberg, reiste als Straßenmusiker quer durch Europa. Nach seinem Studium der Soziologie, Psychologie und Pädagogik in Göttingen zog er die freie Künstlerlaufbahn einer Universitäts-Karriere vor und lebt (nach Stationen in Dresden und Berlin) heute als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller in Bremen. Sein Stück „Ohne Moos nix los“, das im GRIPS-Theater uraufgeführt wurde, erhielt den Berliner Kindertheaterpreis und wurde für den Mühlheimer KinderStückePreis nominiert. Sein Roman „Alles andere als normal“ (bei Beltz & Gelberg) war 2014 für den deutsch-französischen Jugendliteraturpreis nominiert.

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