Kathrin Lange: „Viele Leute halten die Spiegelbestsellerliste für eine Empfehlungsliste“

Interview mit Kathrin Lange

 

10513489_667357130023266_5082553875741139993_nKathrin Lange wurde 1969 in Goslar geboren und lebt mit ihrer Familie in einem Dorf in Niedersachsen. Nach dem Abitur hat sie einige Zeit als Fachbuchhändlerin für Theologie gearbeitet. Nach der Geburt ihrer Kinder gründete sie eine Firma für Mediendesign. Von 2002 bis 2004 gab sie die Autorenzeitschrift „Federwelt“ heraus, und seit dem Jahr 2005 veröffentlicht sie Romane. Im März erscheint ihr neuer Thriller „GottesLüge“ bei Blanvalet. Seit Februar auf dem Markt befindet sich „Herz in Scherben“, ein Mysterythriller für Jugendliche. Kathrin Lange engagiert sich für die Leseförderung und ist Mitglied bei den International Thrillerwriters und im Syndikat.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein! Jedenfalls nicht, wenn ich mit dem Schreiben anfange oder „mittendrin“ bin. Dann bin ich viel zu dicht bei meinen Figuren, ihren Problemen und Ängsten, um mir Gedanken über so etwas wie „den Markt“ zu machen. Manchmal allerdings, wenn ich über eine Buchmesse gehe, kommt mir schon der Gedanke: „Es gibt so viele neue Bücher. Warum eigentlich noch eines schreiben?“ Zum Glück haben meine Figuren mir bisher aber immer ziemlich gute Gründe dafür geliefert, mich wieder an die Tastatur zu setzen.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Es ist (leider?) Fakt, dass ein Platz auf der Bestsellerliste die Verkäufe enorm ankurbelt. Und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich meine Bücher nicht gut verkaufen will. Mich wundert es allerdings immer ein wenig, wenn ich bei Lesungen feststelle, dass viele Leute gerade die SPIEGEL-Bestsellerliste für eine Empfehlungsliste des SPIEGEL halten. Wenn ich ihnen sage, dass es eine reine Verkaufszahlenliste ist, sehe ich sehr oft in erstaunte Gesichter. Das finde ich ein bisschen bedenklich, denn eine Nennung auf dieser Bestsellerliste hat eben keine Aussagekraft über die Qualität eines Buches.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Laptop aus. Hund schnappen. Sieben Kilometer marschieren. Und wenn’s ganz schlimm wird, was zum Glück noch nicht allzu oft vorgekommen ist: Hund ins Auto verfrachten, an die Nordseeküste fahren und ein paar Tage durchpusten lassen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Täglich eine halbe Stunde versuche ich mir dafür freizuhalten. Das klappt nicht immer, aber meistens schon.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Darauf habe ich eine vermutlich eher unbefriedigende Antwort: auf einen guten Text. Natürlich reicht der allein nicht, um ein Buch dann auch wirklich bekannt zu machen, aber wenn die Story nicht irgendetwas hat, das Leser begeistert – sei es eine interessante Figur, ein Thema oder eine innovative, schöne Sprache – dann wird alles Marketing nutzlos sein, weil es ins Leere läuft.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Das kommt darauf an, was ich schreibe. Als Thrillerautorin bin ich stark von Kollegen wie Lee Child und Julia Spenser-Fleming beeinflusst, glaube ich. Bei meinen Mysterythrillern für Jugendliche fließen sehr verschiedene Einflüsse zusammen, von Theodor Storm, den ich liebe, bis hin zu Stephen King und Co.

Wenn ich an dem literarischen Roman arbeite, den ich irgendwann gern einmal veröffentlichen möchte,  schwanke ich. Manchmal würde ich dann gern so schreiben können wie Audrey Niffenegger oder Donna Tartt. Oder Julia Schoch. Oder Wolfgang Herrndorf … oder … Es gibt so viele gute Autorinnen und Autoren, wo soll man da anfangen?

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Tja. Wenn ich darauf eine Antwort hätte … Ich habe den Verdacht, dass hier immer auch Seilschaften eine große Rolle spielen. Man kennt und unterstützt sich eben. Newcomer können meiner Meinung nach nur versuchen, ihnen Namen wieder und wieder ins Gespräch zu bringen. Oder einen saftigen Skandal produzieren. 😉

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ich habe so viele Anfängerfehler gemacht, dass es schwierig wird, diese Frage zu beantworten, ohne ein ganzes Buch darüber zu schreiben. Aber vielleicht das: Macht Euch bewusst, dass ein Buch zu schreiben eine andere Umschreibung ist für „Ich muss einen sehr, sehr, sehr langen Atem haben!“ Und das gilt sowohl für das Schreiben selbst, als auch für die Veröffentlichung. Nie die Hartnäckigkeit und den Glauben an das eigene Projekt verlieren, ist die Devise. Und: Üben, üben, üben. Sprich: Schreiben, schreiben, schreiben!

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Bei Sex-Szenen. Und wenn ich jetzt schreibe, dass man auch das üben kann, wird es schon zweideutig.  Was sehr schön den Zwiespalt sichtbar macht, der beim Schreiben von Sex-Szenen entsteht: Ich kann die brutalste Mordszene schildern, im Publikum würde niemand auf die Idee kommen, dass ich die Dinge, die ich schreibe, selbst ausprobiert habe. Bei Sex sieht das schon ganz anders aus, und dieses Wissen wegzublenden, fällt nicht immer leicht.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Das Thema „Islam“ ist mir ja nun in den letzten Monaten sozusagen auf die Füße gefallen. Ich habe in meinen Büchern schon immer Religionskritik betrieben, meistens eher unterschwellig. Als ich mich entschieden habe, aus der Figur des Faris Iskander einen Muslim zu machen, geschah das hauptsächlich, um zu zeigen, mit welchen Problemen Migranten in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben, mögen sie auch noch so gut integriert sein. Damals hatte ich noch niemand eine Ahnung vom IS, und Charlie Hebdo und Kopenhagen lagen in ferner Zukunft. Jetzt jedoch muss ich mich – sozusagen gemeinsam mit Faris – noch sehr viel intensiver mit dem Thema „Religion“ auseinandersetzen, und ich weiß aktuell noch nicht, wohin uns beide das am Ende führen wird.

Von anderen Autoren erwarte ich in dieser Hinsicht übrigens nichts, denn ich bin der Meinung, dass jeder seinen eigenen Umgang mit diesen Themen finden muss. Wenn jemand sich dafür entscheidet, sie auszublenden, dann muss ich das respektieren, ebenso wie ich es respektiere, wenn sich jemand daran abarbeitet. Als Leserin habe ich ja noch immer die Entscheidungsfreiheit, ob ich ein Buch lese oder nicht.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich stehe sehr früh auf. Meistens beantworte ich die ersten Mails schon bei der ersten Tasse Kaffee. Oder ich mache mir Gedanken über Interviewfragen, wie gerade im Moment. Dann gehe ich laufen und sitze meistens um halb neun am Schreibtisch. Wenn ein Abgabetermin ansteht, arbeite ich dann gern auch mal bis in die Nacht hinein. Darauf, dass die richtige Stimmung mich ergreift, kann ich in den seltensten Fällen warten. Das ist unromantisch, ich weiß. Aber so ist es nun einmal.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Ich werde in den nächsten Tagen mit dem dritten Fall von Faris Iskander anfangen, den der Verlag und ich gerade unter Vertrag genommen haben. Am Thema arbeite ich mich noch ab, darum kann ich dazu nicht allzu viel sagen, aber vielleicht das: Faris wird diesmal ins Gefängnis gehen.

Fabelhafte Bücher: Mit bedanken uns herzlich für das Gespräch.
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