Tobias Elsäßer: „Den Autor für einen Roman zu verurteilen, halte ich für einen Angriff auf seine Freiheit“

Interview mit Tobias Elsäßer

 

Tobias Elsäßer
Tobias Elsäßer (c) Nicola Kimmig

Tobias Elsäßer, geboren 1973, arbeitet als freier Journalist, Autor und Gesangslehrer. Darüber hinaus leitet er Schreibwerkstätten und Songwriter-Workshops für Jugendliche und Erwachsene und schreibt Drehbücher. 2004 präsentierte Tobias Elsäßer sein in Teilen autobiografisches Romandebüt »Die Boygroup«.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, das macht nur schlechte Laune und erschwert die Arbeit. Wer Statistiken über Einkommen von Autoren, Erfolgsaussichten und andere Parameter der Buchbranche studierte, kann nur depressiv werden. Deshalb sind Scheuklappen sehr sinnvoll.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Sie sind allgegenwärtig. Die ganze Welt scheint mittlerweile irgendwelchen Rankings und Platzierungen hinterher zu hecheln. Natürlich würde ich mich über einen Bestseller freuen, aber der eigentliche Antrieb ist ein gutes Buch. Und Qualität drückt sich nur selten in Tabellen aus, die alle auf die eine oder andere Weise manipulierbar sind.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept

Weitermachen. Disziplin. Schreibpausen und bei mir persönlich auch noch das Schreiben von eigenen Songs. Das löst meist den Knoten. Gute Freunde können solche Phasen auch erträglicher machen. Der Mensch ist eben auch keine Maschine. Und jedes Buch ist eine Berg- und Talfahrt der Emotionen und Schreibleistung. Man sollte sich und seine Werke auch nicht zu ernst nehmen. Andere Menschen gehen auch durch Höhen und Tiefen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Zu viel. Eindeutig. Ich versorge die Fans auf Facebook relativ häufig mit News und merke aber wie viel Zeit dafür draufgeht. Stundenmäßig ist das schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass ich ohne Internet effektiver beim Schreiben war. Und den ganzen Hype um Fans und Likes mittlerweile sehr kritisch betrachte.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Authentizität. Ein sperriges Wort, aber ich denke Marketing an sich wird überbewertet. Und ich glaube daran, das gute, authentische Texte sich auch in Zukunft durchsetzen. Also nicht nach Trends schauen und kopieren, sondern sein eigenes Ding machen.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Inspiriert werde ich vor allem von Musik. Vorbilder der schreibenden Zunft habe ich keine.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Ich muss dazu sagen, dass ich das Glück habe, schon häufig in den Feuilletons besprochen worden zu sein. Auch Radio und Fernsehen. Ich glaube, man überschätzt die Macht dieser Medien gewaltig. Ich denke, ein Newcomer sollte sich auf wichtigere Dinge konzentrieren als auf Besprechungen. Das sind ohnehin nur subjektive Meinungen, die scheinbar objektiv zu einem Ergebnis kommen.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Sie sollten zuerst ihren eigenen Stil finden und nicht gleich an Veröffentlichungen denken. Ich begegne zu oft Menschen, die das Schreiben vor allem als spannende Möglichkeit sehen, ohne großen Aufwand an Ruhm, Ehre und Geld zu kommen. Das ist der falsche Weg. Am Anfang steht der Text und die Leidenschaft für die eigene Geschichte. Man darf Vorbilder haben, man sollte sie nur nicht kopieren.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Mich langweilen Landschaftsbeschreibungen, deshalb benutze ich die äußerst selten. Auch abgenutzte Phrasen und Bilder machen mich beim Lesen verrückt. Sie zu verändern kostet Zeit und manchmal auch Mut. Und über Sex oder Gewalt zu schreiben, bedeutet für mich, nach einem neuen Aspekt zu suchen, der noch nicht zu oft beleuchtet wurde. Das ist ohnehin das A und O, kreativ sein, sich nicht mit dem Standard zufrieden zu geben.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Autoren erzählen Geschichten. Houllebeq hat gerade mit seinem Roman „Unterwerfung“ für Schlagzeilen gesorgt. Viele Rezensenten scheinen nicht zu kapieren, dass es sich um einen fiktionalen Text handelt. Autor, Erzähler, Figurenpersonal. Das sind die Ebenen, um die es geht. Den Autor für einen Roman zu verurteilen, halte ich für einen Angriff auf seine Freiheit. Bei einem Thriller regt sich auch keiner darüber auf, wenn der Autor mit großer Verve die Zerstückelung von Leichen zelebriert. Leider habe ich das Gefühl, dass sich die Hüter von Anstand und Moral immer mehr zu einer Kaste entwickeln, die der Kunst ihre Freiheit absprechen will.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich bin ein Nerd. Ich stehe um 6.30 Uhr auf, trinke den ersten Kaffee und schreibe dann bis halb zehn. Anschließend wechsle ich in ein Café um die Ecke und arbeite dort weiter. Manchmal begegne ich dort auch interessanten Menschen oder unterhalte mich darüber, wie man einen perfekten Cappuccino zubereitet. Am Nachmittag erledige ich dann völlig lustlos meinen Bürokram und schaue ein, zwei Folgen der Serie, von der ich gerade abhängig bin.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Das Buch heißt Zwischenlandung und ist ein tragisch-komisches Buch über die Grausamkeit der ersten Liebe und einen jungen im Wachkoma. Es geht viel um Konstellationen und Rollenverhalten innerhalb einer Familie, aber auch um die Grenzen menschlicher Wahrnehmung und die Bedeutung wahrer (nicht kitschiger) Liebe. Es erscheint im Oktober und hat dann über zwei Jahre Arbeit, viel Verzweiflung, Blockaden und Versuche auf dem Buckel. Natürlich hoffe ich, dass es ein Bestseller wird. Schließlich brauch ich irgendwann ganz klischeehaft ein Haus am See.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

 


tobias-elsaesser.de


Weitere Hintergründe zum Autor

Auch in seinen nachfolgenden Jugendbüchern »Ab ins Paradies« (2007), »Vielleicht Amerika« (2008), »Abspringen« (2009), „Für Niemand“ (2011), „Wie ich einmal fast berühmt wurde“ und „One“ inszeniert er die Verbindung von Musik, Literatur und Sprache. Mit seinem Roman „Abspringen“ gewann er 2010 das Kranichsteiner Literaturstipendium vom Deutschen Literaturfonds und dem Arbeitskreis für Jugendliteratur. Sein Romane „Für niemand“ und „Wie ich einmal fast berühmt wurde“ standen u. a. auf der Auswahlliste Die Besten 7 von Deutschlandradio. Sein erstes Kinderbuch „Linus Lindbergh und der Riss in der Zeit“ wurde von Bayern 2 mit dem Favoriten ausgezeichnet.

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