Arnon Grünberg
: „Couchsurfen und andere Schlachten“

Inhalt

„Wie werde ich ein guter Journalist?“ fragt Arnon Grünberg und erhält von einem alten Schriftstellerkollegen den Rat: Geh raus und erlebe die Wirklichkeit. Diesen Rat hat Grünberg sehr, sehr ernst genommen. Als Berichterstatter war er gleich mehrfach in Afghanistan, im Irak, im Libanon und auf Guantanamo.

Wo immer auf der Welt ein Krisenherd lodert, scheint Grünberg nicht weit – aber auch die heimatlichen Gefilde sind mitunter befremdlicher, als man denken sollte: So schlüpft der Autor z. B. in die Rolle des Gehilfen in einem Hotel und des Kellners in einem Schweizer Fernzug und macht dabei Entdeckungen, bei denen man als Leser nicht sicher ist: Wäre es nicht besser gewesen, man wüsste nicht, was man gerade gelesen hat?

Rezension

Da hat Herausgeber Ilija Trojanow, der alte Trüffelsammler, mal wieder einen Volltreffer gelandet: Wie fühlt es sich an, auf Brautschau in die Ukraine zu fahren? Wie benimmt man sich als Angehöriger des Servicepersonals im Hotel, wenn gerade kein Gast zusieht? Wie ist die Stimmung der Soldaten in Afghanistan und auf Guantanamo, wenn kein Presseoffizier zugegen ist? Was macht ein anständiges New Yorker Mittelschichtmädchen in einem Gefängnis, tief in den peruanischen Anden? Wie schlagen sich die Leute nach dem Krieg in Montenegro und im Kosovo durch? Raco Karadzic, der Bruder von Radovan, erzählt gegen Entgelt aus seinem Alltag.

CouchsurfenIn insgesamt 19 sehr aufschlussreichen und mitunter ernüchternden Geschichten erzählt Grünberg von diesen und anderen Orten. Er hat sie alle aufgesucht und dabei manche Unannehmlichkeit und Gefahr erlebt – aber er hat was erlebt und daran lässt er seine Leser sehr unmittelbar teilhaben. In plastischer, mitunter allzu anschaulicher Sprache gibt er Einblicke, die fast schon verstörend sind. Der Leser erfährt z.B., dass die Fernbedienungen im Hotel unter Umständen mit dem selben Tuch gereinigt werden, wie die Toilette. Ein Laken ist nur zum Wechsel fällig, wenn es auch dreckig aussieht. Und man bekommt bestätigt, was man immer schon ahnte: Lasse ich ein Brötchen unberührt liegen, dann landet es beim nächsten Frühstücksgast auf dem Teller.

Als Grünberg die Gemeinschaftsduschen der Armee auf Kandahar besucht, schreibt er: „Als ich den Vorhang hinter mir zugezogen habe, verstehe ich, warum man die Duschen nicht barfuss betreten darf. Die Männerduschen hier sind eine einzige Samenbank“. Oha, es mangelt also an Frauen. Oder vielmehr: An Orten, wo sich Soldatinnen und Soldaten treffen können. Als es raus in den Einsatz geht, ruft ein junger Offizier: „Schau, ein afghanisches Bordell“ und zeigt dabei auf eine Herde Schafe. Die Wirklichkeit scheint allerdings deutlich roher zu sein, als der Scherz: Die Armeeärzte berichten regelmäßig von kleinen Jungen mit Verwundungen am After: Sogenannte Lustknaben gehören zumindest in einigen Regionen Afghanistans zum Straßenbild.

Arnon_GrunbergArnon Grünberg schreibt in einem flüssigen, gefälligen Ton – mitunter auch nicht ohne Witz. Mitunter gehen die Zügel allerdings auch mit ihm durch und er schreibt Sätze, die kaum sinnentleerter sein könnten. Als er in Rumänien in die Rolle des Masseurs schlüpft, schreibt er: „In mir wohnt der Ehrgeiz, ein Jesus Christus unserer Zeit zu sein. Beim Massieren verwirkliche ich dieses Streben, Fuß für Fuß, Schulter für Schulter“. Geht’s noch? Als er nach drei Wochen seinen Job im Bayerischen Hotel an den Nagel hängt, schreibt er: „Fast drei Wochen habe ich hier gearbeitet. Die Illusionen des Gaststättengewerbes verinnerlicht.“ Nicht doch, Arnon – in drei Wochen hast Du kaum den Betrieb kennengelernt, geschweige denn die ganze Branche. Und verinnerlicht hast Du in den paar Tagen schon mal gar nichts.

In der Summe sind Grünbergs Geschichten aus den nahen und fernen Krisenregionen der Welt eine äußerst aufschlussreiche Lektüre, die sich spannender liest als mancher Roman. In gefälliger und doch schonungsloser Sprache beschreibt der Journalist Eindrücke, die man so bald nicht mehr vergisst.

Infos

  • Buch und Autor beim Diogenes-Verlag
  • Der niederländisch-jüdische Autor schreibt auch unter dem Pseudonym Marek van der Jagt
  • Website des Autors
  • Grünberg liest aus Couchsurfen:

Autor: Beste Bücher

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