Clemens Setz: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“

Rezension von Amir Junuzovic

Wer ist dieser Clemens Setz?

Das Werk von Setz, „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, enthält 18 unterschiedliche Erzählungen, inklusive der „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, die schon im Titel genannt ist. Auch wenn sie offenbar nichts miteinander zu tun haben, kann man sie thematisch alle in einen Topf werfen: Eine Kombination einer indirekte Kritik an die groteske Gesellschaft, die sich mit ein paar Liebesgeschichten anderer Art kreuzt, verleiht diesem Buch eine sympathische Vielfalt an Themen, in denen sich jeder Leser finden kann.

Die Geschichten haben eines gemein: Sie sind keinesfalls alltäglich – sie versuchen wenigsten alltäglich zu wirken, doch es gelingt ihnen ganz und gar nicht! Das beste Beispiel dafür ist die Erzählung „Die Leiche“, die schon am Anfang für Furore sorgt: „Als Markus Kellmer von seiner Arbeit nach Hause kam, fand er auf dem Teppich seines Wohnzimmers eine nackte Frau“ – alle seine Werke können wir daher als merkwürdig bezeichnen. Wer von Setz eine klassische Erzählung erwartet, die nur die Wiedergabe eines Geschehens ist, kann gleich das Buch fallen lassen und sich einen anderen Autor suchen: Denn Setz ist „merkwürdig“, „merkwürdiger“, als andere, moderne Autoren. Die Erzählungen wären aber nicht so „merkwürdig“, wenn wir noch nicht das „gewisse etwas“ hätten, das Clemens Setz hervorragend in fast jede, der insgesamt 18 Erzählungen einbaut: Seine Protagonisten haben immer die besten Ideen, wie sie sich aus einer heiklen Situation schnellstens befreien können – „Ihm fiel ein, dass er vor kurzem ein großes Modellflugzeug aus Holz hinter seinem Heizkörper versteckt hatte […] Hinter diesem Heizkörper war viel Platz, aber würde auch der Körper einer erwachsenen Frau in den Zwischenraum passen?“ – und das Merkwürdige hier ist: Er macht es wirklich! Er zieht, zerrt, dreht, klebt, schiebt, wirft und experimentiert mit der Leiche, wo es ihm nur so eben passt.

Respektlosigkeit wäre hier ein Diminutiv. Er zeigt hier eigentlich, auf eine atemberaubende Art und Weise, was der Mensch in der heutigen, modernen Gesellschaft eigentlich ist – nichts! Nach seinem anstrengendem Dasein und nach seinem „Verbrauch“ in der Gesellschaft, stellt er nur eine Last für die noch aktiven und lebenden Menschen dar. Früher würde man ältere Menschen oder Leichen mit Respekt behandeln, sie von Distanz aus betrachten und sich nach einem höheren Sinn des Lebens fragen und sogar um sie trauern. Doch heute? Heute hat die moderne Gesellschaft den Respekt nicht nur verloren, sondern ihn auch für immer vergessen.

Für die heutigen Leichen sucht man nur noch „einen austauschfreudigen Untergrund, einen Waldboden oder etwa einen Sumpf. Etwas, mit dem sie langsam verschmelzen konnte.“ Das ideale Bespiel dafür ist Markus: Obwohl eine Leiche in seinem Wohnzimmer liegt, schläft er problemlos ein, geht freudig zur Arbeit und wegen der „erfolgreich überstandenen Strapazen der letzten beiden Tage musste er unbedingt anstoßen“, dass er eigentlich eine Leiche im Wohnzimmer hat und woher sie eigentlich kam, wer die Frau ist, ob sie jemand vermisst, ob sie vielleicht Kinder hat, ob sie überhaupt verheiratet ist und noch unzählige andere Fragen, die sich jeder normale Mensch fragen würde, fallen Markus gar nicht erst ein. Naja, wenigstens findet er am Ende eine herrvoragende Lösung!

Die-Liebe-zur-Zeit-des-Mahlsaedter-Kindes.280Der Einstieg in die Erzählungen ist meist direkt und nur bei wenigen wird eine kurze Vorgeschichte erzählt. Der Effekt ist dabei klar, der Leser wird schon von Anfang an von der Geschichte gefesselt und er schafft es kaum, sich von den Fesseln der Neugierde zu befreien, bis man nicht ans Ende der Erzählung kommt. Doch was dann? Typisch Clemens Setz, steht dann oft ein großes Fragezeichen und man fragt sich: „Was habe ich denn gerade gelesen?“

Vom Stil her ist Setz hervorragend – er schafft es periodisch den Höhepunkt zuzuspitzen, egal ob er diesen Effekt mit kurzen Kommentaren des auktorialen Erzählers schafft oder mit seiner überragenden Fähigkeit, die Dinge nicht nur zu beschreiben, sondern sie bildlich in unsere Köpfer zu projizieren – irgendwie erinnert mich dieses Buch an „Guernica“! Man muss „Guernica“ tausend Mal akribisch beobachten und trotzdem kommt man vielleicht nicht hinter dem wahren Sinn des Bildes – genau wie bei Setz. Ob Setz jemals einen großen Ruf wie Picasso haben wird, ist fraglich – man traut es ihm aber zu!

Man darf aber nicht vergessen, dass sich Setz stark von seinen Vorbildern inspirieren lässt. Das beste Beispiel dafür ist sicherlich sein Werk „Eine sehr kurze Geschichte“. „Nach einem langen und harten Arbeitstag im Büro stellte Lilly fest, dass auf ihren Schulterblättern kleine Flügel gewachsen waren,[…]“ – jeder Leser, der sich schon mal mit Kafka auseinandergesetzt hat, wird schon wisse, an was ihn diese „kurze Geschichte“ erinnert.

Setz kann man, ohne jeden Zweifel, als einen talentierten und jungen Burschen beschreiben, der sich noch in das große Lampenlicht dringen wird – es bleibt zu hoffen, dass er seinem Schreibstil treu bleibt. Wie gesagt, Setz ist ziemlich schwer zu lesen, denn in jeden seiner Texte verbirgt sich noch eine Welt, über die man nachdenken muss. Deswegen ist er nicht für jeden Leser geeignet. Doch wer Literatur lesen will, die auf einen einwirkt und die ihn zum Nachdenken bringt, ist hier goldrichtig!

Weitere Infos:

  • Clemens J. Setz, geboren in Graz 1982, ist ein österreichische Schriftsteller und Übersetzer.
  • 2011gewann er den „Preis der Leipziger Buchmesse“ für „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“.
  • Der Autor studierte außerdem auch Mathematik.

Meine Bewertung:
Historischer Wert: –
Spannung: 4
Lesefreude: 4
Muss-man-gelesen-haben: 3

 

 

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