Patrik Modiano: „La Place de l’Étoile“ (1968)

Rezension von Amir.

Modianos Erstling

modiano_PlaceDer Erstling des mittlerweile Nobelpreisträgers Modiano – Sohn eines  italienischen Juden mit sephardischen Wurzeln und einer belgischen, flämischen Sängerin – schlug wie eine Bombe in einer Zeit ein, in der man nicht gerade gerne über das Judenthema diskutierte. Im Jahre 1968 tobte auf dem Nahen Osten wieder mal ein heftiger Krieg, Revolutionen waren angezetelt und die ganze Welt hatte Themen wie Krieg, Rassentrennung und Identitätskrise satt. Jedoch schrieb und veröffentlichte ein junger Schriftsteller im zarten Alter von 23 Jahren ein Werk, das genau diese Themen behandelt und, wer hätte es gedacht, es war ein wahrer Erfolg – Modiano machte sich einen Namen! Doch worum geht es eigentlich und warum wurde das Buch so positiv von den Kritikern empfangen? Und wieso wurde es erst Jahrzehnte später ins Deutsche übersetzt?

Unerwartete Poesie eines jungen Mannes

Modianos Protagonist, Raphaël Schlemilovitch, hat schon eine starke Symbolik in seinem Namen versteckt – erinnert sich vielleicht jemand an Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ oder Heinrich Heines Gedicht „Jehuda Ben Halevy“? Unzählige Beispiele von Protagonisten, die diesen Namen tragen, gibt es in der deutschen Literatur und wenn man dem Duden glauben möchte, dann kann man sie auch als einen Pechvogel oder Unglücksraben bezeichnen – Zufall?! Eher nicht!

Modianos Protagonist ist, so wie es Modiano trefflich in seinem Roman schreibt, einfach alles, was ein Jude damals nur sein könnte: Ja, ich leite die jüdische Weltverschwörung mit Hilfe von Sexpartys und Millionen. Ja, der Krieg von 1939 ist durch meine Schuld erklärt worden. Ja, ich bin eine Art Blaubart, ein Menschenfresser, der kleine Arierinnen verspeist, nachdem er sie vergewaltigt hat. Ja, ich träume davon, den ganzen französischen Bauernstand zu ruinieren und das Cantal zu verjuden,…

Stereotypisch führt uns Modiano in die 1940er Jahre und zeigt uns, wie sich wohl ein Jude damals fühle konnte – Raphaël Schlemilovitch hatte die Jugend eines armseligen, heimatslosen Juden, dessen Vater aus Südamerika flüchtete und in Frankreich Sekretär wurde, danach in die Staaten ging und sein eigenes, anfangs erfolgreiches Business zu beginnen, das jedoch scheiterte und danach vereinen sich die Beiden wieder in Paris, übrigens hegte er eine gewisse Sympathie für die Deutschen – er lebte sogar gleich gegenüber der Gestapo.

Sein Sohn wuchs ähnlich auf. Er besuchte eine Privatschule in der Schweiz, jedoch wurde er stark vom Geld seines venezolanischen Onkels verändert – er führte Sexorgien, lebte wie im Himmel und man nannte ihn sogar den jungen Gatsby. Später, nachdem er sein geerbtes Vermögen aufgeteilt hatte, beschloss er, sich zurückzuziehen und es als Lehrer in einem Gymnasium zu versuchen – jedoch musste er nach einer Prügelei das Feld räumen! Danach wird er als eine Art Zuhälter angesehen, er wird eine Art Kollaborationsjude, sieht zu den Nazi-Größen auf,(ich duze Göring; Heß, Goebbels und Heydrich findet mich äußerst sympathisch) ist ein Fan von Hitler und Eva Braun findet er äußerst „sexy“ – komisch, oder?

Danach zerrt uns Mondiano von einem Ort der Welt in den anderen – der ohnehin schon kosmopolitische Jude ist mal in Wien, in Paris, in Israel. Jedoch kam er am Ende dorthin, wo ihn keine erwartet hätte – an meinem Bett sitzt Doktor Sigmund Freud! Doch kann man dem tuberkulosekranken und schwerst seelisch geschädigten Schlemilovitch überhaupt mehr glauben?

Schwer zum Lesen, noch schwerer zum Verstehen

Der Roman liest sich sehr schwer, einerseits wegen der ständigen französischen Begriffe, mit denen uns Modiano bombardiert und andererseits wegen des historisch-politischen Wertes, dessen sich nur ganz aufmerksame Leser bewusst werden! Der alleinige Stil – aber hierbei muss man auch in Betracht ziehen, dass es Modianos Erstling war! – lässt aber auch zu wünschen übrig, denn manchmal hat man das Gefühl, dass Modiano uns wie ein Kleinkind an den Ärmel zieht und uns hastig was zeigen möchte!

Man bekommt das Gefühl, dass Modiano zu schlau zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Romans war – er wirft um sich mit den Namen der bekanntesten Denke, Schriftsteller und Helden und bringt sogar Freud zum Verzweifeln (ein bisschen zu viel, oder?). Einerseits konnte man dieses Herumzerren durch eine Art Fantasieren des ohnehin krankheitsbedingt geschwächten Protagonisten erklären, doch andererseits ist es doch, obwohl es Modiano gut einpackt, zu viel! Die Kritiker in Frankreich haben dieses Werk mit offenen Armen empfangen, jedoch ist es in Deutschland erst neulich aufgetaucht – der Nobelpreis 2014 sorgte für einen enormen Popularitätsaufstieg!

Der Grund für die späte Übersetzung liegt sicherlich an dem harten Stoff, mit dem sich Modiano auseinandersetzt: Denn immerhin erwähnt er fast in jedem zweiten Satz historische Grundsteine der Weltgeschichte und vielen ist es daher unmöglich, dieses Buch ohne Google zu deschiffrieren (wer es gelesen hat, wird mir schon glauben!) und auch stundenlange Recherche ist keine Garantie für eine erfolgreiche Verbindung der genannten Personen innerhalb der im Text erwähnten Situation – zu viel Herr Mondiano!

Ich würde dieses Buch nur denen empfehlen, die sich entweder mit der Judenfrage beschäftigen oder denen, die in Modianos Schreibkunst verliebt sind – für Normalverbraucher sicherlich nichts!

 

Weitere Infos
• Patrick Modiano (geboren am 30. Juli 1945 in der Nähe von Paris) ist ein französischer Schriftsteller, der für seine Werke den Nobelpreis für Literatur 2014 bekam.
• Seine Werke beschäftigen sich in der ersten Linien mit der Judenfrage, der Identitätskriese und der Orientierung des „Ichs“ damals und heute!
• Sein Erstling wurde erst neulich in die deutsche Sprache übersetzt – der Nobelpreis hat im enorme Anerkennung des weltweiten Publikums beschert!

Meine Bewertung:  (O – war grausam!! 10- exzellentes Buch!!)
Historischer Wert: 0-10: 7
Spannung: 0-10: 5
Lesefreude: 0-10: 5
Muss-man-gelesen-haben: 0-10: 5

GESAMNTNOTE: 0-10 – eine schlappe 5.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.