Rolf von Manowski – „Der letzte Bericht“

Zusammenfassung, Infos und Rezension.  

Gastrezension von Ava Felsenstein

Inhalt:

Im Jahr 1950 trifft ein Bergarbeiter in einer Diamantmine auf ein technisch hochentwickeltes Relikt, welches eine Lebensform in seinem Inneren trägt. Diese scheint hier seit Ewigkeiten zu ruhen.

Doch diese Umstände sollen noch für weitere Zeit ein Geheimnis für die Welt bleiben; der Zugang wird durch militärische Sprengtrupps in aller Eile verschlossen. Vor allem die religiöse Führung der christlichen welt hat ein großes Interesse daran, dass der Mantel des Vergessens diesen Ort weiterhin einhüllen soll.

Jahrzehnte später befindet sich der US-Air Force Militärflughafen Spangdahlem über dem Fundort, die Öffentlichkeit erfährt noch lange Jahre nichts von den Dingen in der Tiefe. Dennoch scheinen einige Wahrheiten ihren Weg ans Licht gefunden zu haben. Man erzählt sich, dass man unten im Berg auf ein Wesen gestoßen sei, bewacht von Schilden, die keinen Menschen zu ihm vordringen lassen. Eingeschlossen im Stein, schläft es dort wohl schon seit Tausenden von Jahren.

Was ist dieses mysteriöse Wesen? Warum soll alles im Dunkel bleiben? Was fürchtet die Kirche und warum? Welche Bedeutung hat dieser Fund für die Menschheit? Geht die Rechnung der Mächtigen auf oder folgt die Wahrheit ihren eigenen Gesetzen?

Am Ende wird nur noch die eine Frage stehen; gibt es ein Morgen für das Geschöpf Mensch?

Rezension:

Als einer, der selbst Science Fiction schreibt, bin ich natürlich nicht ganz unvoreingenommen, was ein Buch wie „Der letzte Bericht“ betrifft. Der Autor bindet viele Themen ein, welche auch ich nur allzu gern kritisch betrachte und die selbst in allen Schichten der Gesellschaft ihre Wurzeln und Diskussion finden. Wissenschaft, Politik, Technik, Religion und auch deren sich überschneidende Grenzbereiche werden in der Geschichte reflektiert. Dabei handelt es sich bei diesem Roman nicht reinweg um Prosa, die nur auf Fiktion basiert. Im Gegenteil. Dem Autor ist es wohl wichtig, dass seine Erzählung auf einem Nährboden wächst, welcher mit all seinen Facetten unser reales Leben, unser alltägliches Dasein beschreibt.

Was wäre wenn – das ist der Moment, wo sich Erfindung und der normale Weltenlauf begegnen. Gehen wir einen Schritt zurück und betrachten das komplizierte Geflecht unserer Gesellschaft aus Führungsebenen, kompromisslos Ausführenden, sich Beugenden und Aufbegehrenden, dann hat der Leser alle Zutaten, die sich auch in dieser Geschichte wiederfinden.

Erzählt wird vornehmlich aus der Perspektive eines Wesens namens Nahuatlaca, welches für eine zeitlang Mensch war. Die Erfahrungen jener Spanne einer irdischen Existenz soll Grundlage einer unaussprechlich weitreichenden Entscheidung sein. Emotionen wie auch reines Kalkül sollen dabei einfließen, eine schwere Last, die letzten Endes aber nicht nur auf den Schultern dieses einen Individuums ruhen soll. Die Vertreter vieler Welten müssen ihre endgültige Stimme mit einbringen – Leben oder Vernichtung. Nicht weniger steht bevor.

Die Berichte, die Schilderungen Nahuatlacas sind überwiegend nur die pure Nennung dessen, was er mit seinen eigenen Sinnen über ein gesamtes menschliches Leben in sich aufzunehmen vermochte. Nicht in jedem Fall folgt eine persönliche Wertung der Erlebnisse. Dennoch gelingt es dem Autor, dem Leser deutlich darzulegen, dass die Emotionen und das Verständnis des Protagonisten für seine vorübergehende Heimat Planet Erde keinen anderen Schluss zulassen als anzuklagen. Es geht nicht nur um die Suche nach den Fehlern in den eigenen Taten und Ideologien. Vielmehr erwächst aus dem physischen und seelischen Erleben jener Welt der klare Aufruf zum Handeln.

Ich bin keine kleinkarierte Krämerseele, die sich mehr als nötig an gelegentlichen sprachlichen Unebenheiten in der wissenschaftlich-fantastischen Novelle eines Selbstverlegers reibt. Auch der eine oder andere Seitenhieb des Fehlerteufels kann angesichts der Brisanz der Thematik verschmerzt werden. Der Autor ist meines Wissens bestrebt, in diesem Bereich noch zu optimieren. Viel mehr tangiert mich persönlich und wahrscheinlich jeden anderen Leser, der öfter während seines Daseins der Meinung war, dass in unserer Welt die wenigsten Dinge so laufen, wie sie auf „natürliche“ Weise vonstatten gehen sollten, dass das Bild jenes Universums im Buch keineswegs blind ersponnene Utopie ist.

Vielmehr spricht der Autor so manchen Satz aus, den sich die meisten Mitmenschen nicht einmal mehr öffentlich zu formulieren wagen würden. Gesellschaftliches Mittelalter – ist es wirklich wieder soweit oder war es eigentlich immer schon so, dass wir selbst in unseren Worten wesentlich weniger Freiheiten haben, als uns gnädig zugestandene dichterische sowie journalistische Redefreiheit glauben machen wollen?

Und weil wir gerade beim Glauben sind, diesen sieht von Manowski nicht einfach nur plump als Grund allen Übels, vielmehr unterstreicht er in der Geschichte, was aus einfachen, vernünftigen und jedermann verständlichen Richtlinien über die Zeit unserer Zivilisation geworden ist. Ein beliebig dehnbares und nur einigen wenigen Steuernden dienendes und völlig deformiertes Gespinst.

In vielerlei Hinsicht ist „Der letzte Bericht“ alles andere als eine Beurkundung des guten Willens der vergangenen, gegenwärtigen und wohl auch zukünftigen Menschheit. Wir, die Kinder der Erde haben in den meisten wichtigen Dingen offensichtlich versagt. Unsere Zeitgeschichte kommt wieder und wieder an dem Punkt an, da es erneut heißt, leben oder untergehen. Haben wir es überhaupt noch in der Hand und ist der immer wieder krampfhaft entfachte Optimismus nicht nur Spiegeltäuscherei? Nach dem, was die Zeit in der vorliegenden utopischen Geschichte – wie möglicherweise auch in unserer realen Welt – bereithält, ist es IMMER an uns, an jedem Einzelnen, zu überlegen; was kann ICH tun, damit es überhaupt eine Zukunft gibt?

Die Erzählung um die Erlebnisse eines Wesens, das als Vertreter einer hochentwickelten, aber dennoch fatalen Gemeinschaft von Zivilisationen zum Zwecke eines unglaublich vielschichtigen Experiments ins Feld geschickt wird, ist gewürzt mit realen Namen, Plätzen, Begebenheiten. Dies gibt der Erzählung zusätzliche Bodenhaftung. Und da ist noch etwas, das mir persönlich gut gefallen hat. Auch wenn der Leser am Ende in Richtung eines Showdown geführt wird, welcher gut und gerne in seinem Ausmaß für einen Blockbuster á la Emmerich herhalten könnte, so kommt der Hauptteil des Romans ohne an den Haaren herbeigezogene Schießereien quer durch das Weltall aus. Vielmehr besticht er durch subtile Schreckmomente, wenn der Leser merkt, dieses soeben gelesene Szenario steht zwar in einem Science Fiction-Buch geschrieben, aber da draußen, verdammt, dort geht es tatsächlich so zu – ohne Beschönigung und Verklärung. Das und nichts anderes sollte uns, den Lesern, eine gehörige Gänsehaut verpassen! An wem dieser Krug vorübergeht, der ist bereits so tot im Geiste, wie ihn die Lenker der Weltreiche für ihre Zwecke sehen möchten.

Unter dem Strich bietet der Roman eine Geschichte, die man ungern aus der Hand legt. Auch wenn es immer wieder weh tut, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, was kann der Autor für das Gesicht der Wahrheit? Die Geschichte sollte man sehr aufmerksam lesen, es ist keine Lektüre für nebenher oder für den Nachttisch. Einige Fäden scheinen lose nebenher zu laufen und nur dem weitsichtigen Leser entgeht nicht, dass sich erst in weiter Entfernung mancher Kreis schließt. „Der letzte Bericht“ ist Utopie und gleichzeitig Bestätigung für sehr reale Änste und Gedanken, die wir alle tief in uns tragen, aber viel zu selten in unser Bewusstsein kommen lassen. Seltener noch bestimmen sie unser Handeln.

Zu oft schon hat die Realität eine ersonnene Geschichte unbemerkt eingeholt. Es ist somit nichts falsch daran, Nahuatlacas Worte als Achtungszeichen zu nehmen, dass eine Chance immer auch die letzte sein könnte und als Aufruf, nichts als gegeben und unvergänglich anzusehen. Denn irgendwann bricht jedes noch so eherne Dogma.

Infos:

Meine Bewertung:  

Historischer Wert: 5

Spannung: 4

Lesefreundlichkeit: 4

Muss-man-gelesen-haben: 5

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