Rezension von Annemarie

Wenn man über den II. Weltkrieg spricht, werden oft Fakten beschrieben. Informationen zu den politischen Agierenden, Daten, wann was stattfand, Zahlen über die Menge der Opfer. Doch wie ging es den Hauptbetroffenen, der Bevölkerung eigentlich?

Nicholas Stargardt, Professor für neuere europäische Geschichte an der Universität Oxford, möchte darüber mit seinem Werk aufklären. In diesem Buch schildert er die Erlebnisse, Gefühle, Ängste, Sorgen und allgemein das Leben der Bevölkerung – primär der deutschen – und flicht diese Erlebnisse und Ereignisse in die großen politischen Geschehnisse ein. Sein Werk umfasst sechs Teile, die den Kriegsablauf chronologisch vom Anfang bis zum Kriegsende erläutern. Jeder Teil hat zwei bis drei Kapitel. Vorwort, Einleitung und Epilog schaffen den Rahmen des Buchinhalts.

Mehrere Schwarz-Weiß-Bilder, die an insgesamt drei Stellen im Buch verteilt gesammelt sind und zumeist im Text erwähnte Personen zeigen, veranschaulichen das Ganze und geben den Betroffenen Gesichter. Mit über 650 Seiten, die in vergleichsweise kleiner Schrift verfasst wurden, und außergewöhnlich vielen zurate gezogenen Quellen ist dieses Buch sehr umfang- und inhaltsreich. Im Anhang werden zunächst die Fußnoten erläutert. Dieses Anmerkungsverzeichnis ist stolze 87 Seiten lang. In Anschluss daran findet man eine umfassende Bibliographie mit 87 Primär- und 831 (ich hoffe, ich habe mich jetzt nicht verzählt) Sekundärquellen. Abkürzungs-, Karten- und Abbildungsverzeichnis sowie ein Register bilden den Abschluss des Buches.

Rezension

Wenn man das Buch zum ersten Mal betrachtet, denkt man nicht, dass es dermaßen viel Inhalt beherbergt. Es ist recht kompakt und vergleichsweise leicht. Das große Erstaunen kommt dann, wenn man in Stargardts Werk hineinschaut. Denn es bietet Lesestoff für viele Stunden. Angesichts eines solchen Umfangs sollte einem jedoch klar sein, dass das Buch sehr ausführlich ist. Der Historiker Stargardt schreibt über seine Passion, die neuere europäische Geschichte, und erläutert diese detailliert. Wenn man nicht so geschichtsinteressiert ist, kann das einem leicht zu viel Geschichte werden. Man kann natürlich die Seiten überblättern – durch die enge Verflechtung von Schicksalsberichten und politischem Hintergrund und die fehlende Abtrennung von beidem mittels Absatz wird der Wiedereinstieg an späterer Stelle aber doch nicht ganz einfach.

Der Umfang dieses Werkes bewirkt aber auch, dass man viele, viele Einblicke in unterschiedliche Wahrnehmungen der unterschiedlichsten Personen bekommt – Soldaten wie Daheimgebliebene, Männer wie Frauen, sehr arme Menschen wie hochrangige Personen. Und im Laufe des Buches beginnt man wirklich ansatzweise zu verstehen, wie es den Menschen damals ergangen sein muss, was für Ängste und Sorgen, aber auch Freuden sie zur Zeit des II. Weltkriegs hatten.

Schön fand ich, dass der Autor, ein Brite, vollkommen vorurteilsfrei schreibt. Es geht ihm nicht um die Schuldfrage, er weist auch Soldaten und anderen Menschen keine Schuld zu, selbst wenn sie andere getötet haben. Auch glorifiziert er nicht das eigene Land, sondern schildert objektiv die Geschehnisse. Dies kenne ich von einigen englischsprachigen Autoren ganz anders. Gerade deswegen finde ich die Objektivität und Neutralität umso bemerkenswerter.

Fazit

Ein sehr umfangreiches und dennoch unterhaltsames Buch darüber, wie die Deutschen den II. Weltkrieg erlebt haben. Für jeden historisch Interessierten, der einen umfassenden Einblick in die Welt der Bevölkerung zu dieser Zeit erhalten möchte, ein sehr lesenswertes Buch, das kaum Wünsche offen lässt.

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