Jürgen Egyptien: „Alles auszusprechen ist eine Beleidigung der Fantasie des Lesers“

Interview mit Jürgen Egyptien

 

(c) Jürgen Egyptien
(c) Jürgen Egyptien

Jürgen Egyptien, 1955 in Aachen geboren, aufgewachsen in Bayreuth, Schule und Studium in Aachen, Promotion an der TU Berlin und Habilitation an der RWTH Aachen, dort seit 1989 Germanist, literarische Publikationen seit Mitte der 80er Jahre, Lyriker, Prosaautor, Essayist, Herausgeber.

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Daran darf man als Autor keine Sekunde denken. Die Existenzberechtigung eines Buches kann immer nur in seiner eigenen künstlerischen Potenz liegen, da spielt es keine Rolle, ob es daneben zehn Bücher oder eine Million Bücher gibt.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Sie sind mir völlig gleichgültig, und ich ignoriere sie.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Vor allen Dingen: Geduld. Inspiration lässt sich nicht herbeizwingen. Mögliche Quellen für neue poetische Impulse können Lesen und aufmerksames Beobachten von Menschen und Landschaften sein.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich pflege ein paar Profile auf Plattformen, die wahrscheinlich der Lesertyp, den ich erreichen kann, besucht. Die dafür aufzuwendende Zeit halte ich aber so gering wie möglich (d.h. 2 h pro Woche).

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Wenn ökonomischer Erfolg der primäre Antrieb ist, sollte man sich eine Agentur suchen. Meines Erachtens kann nur ein unverwechselbarer Individualstil, eben die künstlerische Originalität, das Ziel sein – also: Stil als Markenzeichen, nicht marktgängige ‚Schreibe’.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Das muss ich nach Gattungen getrennt beantworten. Als Lyriker wurde und werde ich von Erika Burkart, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger, Ernst Meister, Peter Rühmkorf und Georg Trakl inspiriert. In der Prosa sind Erzähler wie Alfred Andersch, Jean Giono, Franz Kafka, Wolfgang Koeppen und Hans Lebert besonders anregend.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Überhaupt nicht. Das Feuilleton dieser Organe ist auf die Produktion der Großverlage fixiert, daran wird sich nichts ändern. Ab und an wird immer mal ein Titel oder Autor aus einem kleineren Verlag gefeiert werden, aber das ändert strukturell nichts – und ist zudem selten allein aus künstlerischen Gründen motiviert.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Beim Schreiben darf man niemals auf eine Wirkung zielen oder auf ein Publikum schielen. Die Aufgabe lautet, den Text so zu schreiben, dass er stimmt. Einziges Rezept: Nach der Fertigstellung des Textes ihn ein paar Tage liegen lassen, dann jedes Wort unter die Lupe nehmen mit der Frage: Bist du nötig oder nicht? In der Regel gewinnen Texte immer durch Kürzung und Verdichtung; Anfänger neigen gelegentlich zum ausschweifenden Formulieren und verfügen noch nicht über genügend Distanz zur selbstkritischen Prüfung.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Generell sind wohl Szenen mit extremen Gefühlszuständen schwerer sprachlich zu gestalten – und positive Gefühle sind prinzipiell schwieriger, weil die Sprache leicht in Kitsch und falsches Pathos kippen kann. Man sollte aber bedenken, dass nicht alles versprachlicht werden kann (geschweige denn: muss). Die eigentliche Kunst ist meines Erachtens die Kunst der Andeutung, denn alles auszusprechen ist eine Beleidigung der Fantasie des Lesers.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Die political correctness ist der Tod der Kunst. Wenn ich jedes Wort auf die Waagschale lege, um nur bloß nicht irgendein Denkverbot oder eine Sprachregelung zu verletzen, sollte ich mainstream-Journalismus produzieren, aber mich nicht mit Sprache als Kunst beschäftigen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich schreibe, solange die Inspiration funktioniert. Wenn man Glück hat und in den Ton eines Textes hineinfindet (das gilt natürlich nur für Prosa), dann ist es kein Problem, acht oder zehn Stunden zu schreiben, weil man sich quasi außerhalb der profanen Zeit befindet.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Ich arbeite an einem größeren Romanprojekt über mehrere fiktive jüdische Schicksale zur Zeit des Dritten Reichs.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


 

 

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