Kirstin Breitenfellner: „Das Feuilleton kreist um immer weniger Bücher“

Interview mit Kirstin Breitenfellner

 

Kirstin Breitenfellner fotografiert von Mats Bergen
Kirstin Breitenfellner fotografiert von Mats Bergen

Kirstin Breitenfellner, geboren 1966 in Wien. Studium der Germanistik, Philosophie und Russisch an den Universitäten Heidelberg und Wien. Lebt und arbeitet als Autorin, Journalistin (Falter, Radio Ö1 u.a.) und Yogalehrerin in Wien. Sie schreibt Romane, Gedichte, Kinderbücher und Sachbücher. Zuletzt erschienen: „Die Überwindung des Möglichen. Roman“ (Berlin 2012, Horlemann), „Das Echo des Schiffs heißt Fisch“ (Kinderbuch, Wien 2012, Picus), „Wir Opfer. Warum unsere Kultur den Sündenbock braucht“ (München 2013, Diederichs)

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Natürlich nicht, sonst könnte man gar nicht schreiben!

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Dass der Mensch sein Begehren an dem Geschmack anderer orientiert, ist in der Menschheitsgeschichte nichts Neues. Wenn Bestsellerlisten auf objektiven Daten beruhen, bilden sie den Massengeschmack ab. Etwas anderes sind Expertenjurys, bei denen ich selbst auch schon teilgenommen habe – und deren Ergebnisse oft aus (unbewussten) gruppendynamischen Prozessen resultieren. Oder aus Zeitnot. Manchmal stehen dort Titel auf Platz eins, die noch gar nicht erschienen sind! Ob so wirklich die besten Bücher ermittelt werden können, scheint mehr als fraglich.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Pausen machen, sich mit etwas anderem beschäftigen – und Yoga! Oft kommen einem die besten Einfälle, wenn man an etwas anderes denkt oder wenn man gar nichts denkt.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Etwa eine Stunde pro Woche via meiner persönlichen Homepage und Facebook.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Ein renommierter Sachbuchautor erzählte mir neulich, dass er sich noch jede Rezension selbst organisiert habe. Wenn sich nicht der Literaturbetrieb gerade auf einen „geeinigt“ hat, ist es besser, sich nicht auf andere zu verlassen und Lesungen, Rezensionen etc. selbst zu organisieren – was allerdings eine heikle Angelegenheit ist. Denn natürlich wollen sich Rezensenten nicht vorschreiben lassen, was sie zu rezensieren haben! Man muss sich um alles kümmern – sogar den Klappentext des eigenen Buches, denn oft stellt sich heraus, dass Lektoren nicht verstanden haben, worum es in einem Buch geht. Das Diktum, dass Autoren heute ihre eigene Werbeagentur sein müssen, ist leider nur allzu wahr. Und leider haben Autoren darin unterschiedlich viel Talent, das noch dazu in keinem Zusammenhang mit ihrem künstlerischen Talent steht. Grundsätzlich darf man sich nicht auf ein Marketinginstrument beschränken, sondern sollte möglichst breit auftreten. Ich habe da – mir selbst gegenüber – immer ein schlechtes Gewissen, zu wenig zu tun.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Von den Klassikern Tolstoi und Dostojewskij, Thomas Mann und Alfred Döblin, Herta Müller, Elfriede Jelinek und Marlen Haushofer. In der Lyrik war Georg Trakl lange mein Orakel … Und unter den vielen zeitgenössischen Autorinnen und Autoren beeindruckt mit im Moment Marie NDiaye am meisten – vielleicht, weil sie so anders ist als ich.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Da ist, glaube ich, der Zug bereits abgefahren. Jedes Jahr erscheinen mehr Bücher – und das Feuilleton kreist um immer weniger Bücher. Es gibt nur noch Stars und Nobodys, und die Autoren im sogenannten Mittelfeld stellen eine aussterbende Rasse dar. Das Internetportal perlentaucher, das die Rezensionen überregionaler deutschsprachiger Zeitungen auswertet, hat für die letzten zehn Jahre eine Halbierung der Besprechungen festgestellt. Newcomer haben wohl nur eine Chance, wenn ein Rezensent seinen Entdeckerstolz an ihnen poliert – oder ihr Buch zufällig zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort erscheint – oder sein Erscheinen von einer Marketingmaschine flankiert wird.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Eine sehr schwierige Frage – vielleicht nicht sofort einen Vertrag mit einem kleinen Verlag zu unterschreiben und es noch mal bei größeren versuchen. Denn im Gerangel um die Aufmerksamkeit – aber auch auf den Büchertischen der Buchhandlungen – haben kleinere Verlage keine Chance mehr.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Über Sex zu schreiben ist eine große Kunst – bei der es auch zahlreiche gelungene Beispiele gibt. Mich reizen eher Themen und Situationen, die in der Literatur sonst ausgespart bleiben. In meinem letzten Roman „Die Überwindung des Möglichen“ habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, ein Kleinkind von anderthalb Jahren als Figur auftreten zu lassen – eine Gratwanderung. Ein Freund, der das Manuskript gelesen hatte, meinte: „Das musst du kürzen, das legt jeder Mann sofort weg!“ Kurze Zeit später rief er mich noch mal an und sagte: „Das war Quatsch. Lass es drinnen.“ – Und tatsächlich amüsieren sich die meisten Leser und Zuhörer über diese Szenen. Aber natürlich nicht alle…

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Oft sind die Figuren mit den politisch nicht ganz so korrekten Ansichten die interessantesten. Ich erwarte mir von den Lesern, dass sie weiterhin zwischen der Meinung von Romanfiguren und Autoren unterscheiden können. Wenn die Tabuzonen, worüber geschrieben werden darf, derart ausgeweitet werden, wird die Literatur als Kunst eines schnellen Todes sterben bzw. zu einem Erziehungsinstrument verkommen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Leider kann ich mir, wie die meisten Autoren, den Luxus nicht leisten, zu schreiben, wenn ich in Stimmung bin – wobei die Frage wäre, was das überhaupt ist. Also schreibe ich, wenn ich Zeit dafür habe – broterwerbs- und familientechnisch! Für einen Roman braucht zwar keine fixen Zeiten, aber die Gewissheit, ein bestimmtes durchgängiges Stundenkontingent zur Verfügung zu haben, um in seine Materie und Gedankenwelt eintauchen zu können.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Mein nächster Roman handelt von den 1980er-Jahren, sprich Jugend unter der Bedrohung von Aufrüstung, Waldsterben, Aids und Tschernobyl. Arbeitstitel: Das bleierne Jahrzehnt.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Kirstin Breitenfellner im www

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www.kirstinbreitenfellner.at

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