Ian McEwan – „Honig“

Zusammenfassung, Infos und Rezension

Inhalt

Serena Frome, die Tochter eines anglikanischen Bischofs, studiert auf Druck ihrer Familie Mathematik in Cambrigde – dabei gehört ihre Leidenschaft der Literatur. Sie liest hunderte Seiten in wenigen Stunden und verschlingt so einen Großteil der Literatur ihrer Zeit, inklusive den B-Autoren – ihre Zeit, das ist das England der siebziger Jahre, mitten im Kalten Krieg und in Zeiten wirtschaftlicher Not. Aufgrund spezieller Umstände, die erst im Laufe des Buches deutlich werden, wird Serena für den britischen Inlandsgeheimdienst MI5 rekrutiert. Als ausgesprochen hübsche junge Frau aus guten Hause mit Fähigkeiten in den Kulturwissenschaften einerseits und der Mathematik andererseits scheint sie auch augenscheinlich geeignet.

Nachdem sie in der repressiven und stark von Männern dominierten Organisation zunächst künstlich klein gehalten wird, erhält sie eines Tages einen heiklen Auftrag: Der Kalte Krieg soll auch auf die Kultur ausgeweitet werden. Denn in einer Subkultur, in der sich zahlreiche Intellektuellen darin gefallen, die Vorteile des kommunistischen Regimes zu proklamieren, sollen die Stimmen konservativer Schriftsteller besonders Gehör finden – notfalls über ein Geflecht von Stiftungen, als deren Finanzier und Drahtzieher im Hintergrund der Nachrichtendienst wirkt.

Als Serena auf den aufstrebenden Autor Tom H. Haley angesetzt wird, passiert, was nicht vorgesehen war: Sie verliebt sich. Nun nimmt die Geschichte einen ganz anderen Lauf, als sich das die alten Männer beim MI5 vorgestellt hatten…

Rezension


Es ist das Ende, dass als Überraschung noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Es ist nicht leicht, erfahrene Leser so an der Nase herumzuführen, dass sie das Ende nicht zumindest erahnen. Nach dem Lesen von Honig kommt man buchstäblich erst auf den letzten Seiten überrascht zum Ergebnis, dass man das Buch auf den ersten 450 Seiten nicht wirklich aus dem richtigen Blickwinkel gelesen hat. Kurzum – die innovative, raffinierte Wendung am Schluss, die im Rückblick gefühlt 50 „Ach-so-Effekte“ auslöst, ist brillant. Und auch sonst bricht McEwan nicht mit dem souveränen und virtuosen Stil, den man schon von den zahlreichen Vorgängerwerken gewohnt ist.

Inhaltlich ist „Honig“ ein Buch über das England der heißen siebziger Jahre: Die Jugend rebellierte, Frauen begannen aus ihrer beschaulichen Rolle auszubrechen, die Ölkrise war auf dem Höhepunkt und die IRA terrorisierte das ganze Land. Für den deutschen Leser bietet sich die Chance, nebenbei etwas über das Nachbarland jener Jahre zu erfahren, wobei weniger die Ereignisse selbst interessant sind – die dürfte man kennen -, doch lebt man sich ganz gut in die Stimmung jener Jahre ein. 

honig_ewanInsgesamt entwickelt der Roman auf 459 Seiten mehrere Ebenen. Als Agentenroman ist das Buch nicht schlecht, wenngleich schon spannenderes geschrieben wurde. Interessant ist, dass es mal nicht um die Blockbuster Themen geht, die andernorts die Spannung hochhalten: Die von Terroristen enteignete Atombombe, Waffenschmuggel, etc. etc. Vielmehr wird ein Thema aufgegriffen, dass bislang vergleichsweise wenig beleuchtet wurde: Der Versuch der gezielten Einflussnahme auf die Sphäre der Intellektuellen und der Kultur. 

Als Liebesroman ist „Honig“ kontrastreich, leicht und liebenswürdig zu lesen. Ungewöhnlich ist höchstens der Männergeschmack der jungen Ms. Fromme, die offenbar Männer mit äußerlichen Makeln bevorzugt (Alt, abstehende Ohren…). In ihrer Fantasie lässt sie sich sexuell mit den Großen der Literatur ein, ausdrücklich auch mit dem „pfeiferauchenden Günter Grass„. 

Als „historischer Roman“, wobei mit „historisch“ natürlich die allerjüngste Vergangenheit gemeint ist, liegt die Stärke des Bestsellerautors Ian McEwans in der Vermittlung der atmosphärischen Wahrnehmung jener Zeit. Die Ich-Erzählerin beschreibt – etwas gewöhnungsbedürftig – die Ungerechtigkeit, die aus der Dominanz der Männer folgt, hat jedoch zugleich einen leicht unterwürfigen Ton. „Ohne diese Männer würden wir immer noch im Lehmhüten hausen und auf die Erfindung des Rades warten. Die Dreifelderwirtschaft wäre niemals eingeführt worden“ legt McEwan seiner Erzählerin in den Mund. Und fügt sofort hinzu: „Was für unzulässige Gedanken zu einer Zeit, da gerade die zweite Welle der Frauenbewegung heranrollte!“. Tja. Eben.

„Honig“ von Ian McEwan ist ein spannender, kluger Roman, der das Verführungspotenzial der Literatur auf charmante Weise deutlich macht. Mittlerweile in den Bestsellerlisten kann man dem Roman auch gar nichts anderes wünschen. McEwan zeigt sich hier als einer der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart auf der Höhe seines Könnens. 

Infos

McEwan wuchs in England, Libyen und Singapur auf. Er lebt heute in London, GB

Website des Autors 

„Honig“ auf der Website des Verlags Diogenes

Unsere Einordnung

Spannung: 5

Lesefreundlichkeit: 5

Ratgeber: 3

Muss-man-gelesen-haben: 4

Allgemeinbildung: 5

(1= Kaum zutreffend / 5 = Besonders zutreffend)

 

Von M. Gröls

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