Samuel Beckett – „Warten auf Godot“

Zusammenfassung, Infos und Rezension

Inhalt:

Estragon und Wladimir sind zwei Landstreicher, die irgendwo im Nirgendwo an einem Baum stehen und warten. Sie warten auf jemanden oder etwas mit Namen „Godot“. Godot erscheint aber nicht, und so entstehen Dialoge die zunächst wie Nonsens erscheinen. Zum Beispiel:

Estragon gibt wieder auf: „Nichts zu machen“.

Wladimir nähert sich mit gespreizten Beinen, mit kurzen, steifel Schritten: „Ich glaube es bald auch.“ Er bleibt starr stehen. „Ich habe mich lange gegen den Gedanken gewehrt. Ich sagte mir: Wladimir, sei vernünftig, du hast noch nicht alles versucht. Und ich nahm dem Kampf wieder auf. (…) Da bist Du also wieder, du“.

Estragon: „Meinst du?“

Der Rest des Stückes besteht aus Wiederholungen und Variationen desselben Themas. Irgendwann dämmert es dem Leser – allerdings früher als Wladimir und Estragon -, dass dieser Godot wohl nicht auftauchen wird. Und tatsächlich: Das völlig Hollywood-untaugliche Ende besteht darin, dass das Warten vergeblich war und Godot nicht erscheint. Allerdings, und das ist für die Interpretation der Geschichte nicht ganz unwesentlich: Es taucht zwischendurch ein angeblicher Abgesandter Godots auf – ein Ziegenhirt – der verkündet, letztlich werde Godot aber auf jeden Fall kommen.

Zwischendurch vertreiben sich die beiden clownhaften Helden die Zeit mit Spielchen und Streitereien. Beispielsweise werden Chancen und Risiken verschiedener Selbstmordvarianten diskutiert. Das Stück ist insgesamt, das dürfte deutlich geworden sein, statisch und handlungsarm. Es endet irgendwann an einer beliebig erscheinenden Stelle: Beckett hätte auch 20 Seiten früher oder später das Ende setzen können, ohne dass dem Werk etwas verloren gegangen, beziehungsweise hinzugefügt worden wäre.

Rezension:

„Warten auf Godot“ wird gemeinhin als Musterbeispiel des sog. „absurden Theaters“ geführt, das die Philosophie des Existenzialismus auf die Bühne bringt. Becketts Stück hat über die Jahre verschiedenste Interpreten auf den Plan gerufen, die alle phantasievoller waren, als das Werk selbst. Der Autor hat sich allerdings geweigert, sein Werk später in Interviews oder bei anderen Gelegenheiten zu erklären. Jede der vielen Rezension zu Becketts Godot täte deshalb gut daran, auf einen Absolutheitsanspruch zu verzichten – die Interpretation kann im Sinne des Schriftstellers zutreffend sein, oder nicht. Estragon und Wladimir seien flüchtige Juden, die auf den Schleuser warten, sagten manche. Nein, Godot stehe für den französischen General de Gaulle, und das Werk sei demnach zeitgeschichtlich zu interpretieren, andere. Was sagt der Autor selbst dazu: „Hätte ich gewusst, wer Godot ist, hätte ich es im Stück gesagt.“

Samuel Beckett. (Bild: Roger Pic)
Samuel Beckett. (Bild: Roger Pic)

Oha. Eine gängige und plausible Interpretation soll hier dennoch angeboten werden und sie lautet dahingehend, dass Estragon und Wladimir die Menschheit verkörpern, während Godot für „Gott“ steht. Ständig weigern sich die Menschen demnach im Hier und Jetzt tätig zu werden und das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, da es ja irgendwo einen Godot gibt, der die Dinge für unsereins in die Hand nimmt und uns lenkt. Im Diesseits ist alles müssig, das wahre Leben findet schließlich im Jenseits statt. Zwischendurch kommen angebliche Vertreter Godots – im Stück der Hirtenjunge – und kündigen zu einem unbestimmten Zeitpunkt das Kommen des Herrn an. So wie die Vertreter der Religionen im wahren Leben die Chancen des Jenseits preisen und das Diesseits auf die Möglichkeit reduktionieren, sich Punkte für das künftige „echte“ Leben (Im Himmel, bei der Wiedergeburt, …) zu sammeln.
Beckett macht diese Haltung des Menschen lächerlich, indem er die Menschen in einer offenkundig „gottverlassenen“ Gegend nach ebendiesem Gott suchen lässt. Während der Mensch auf Gott wartet, zieht sein eigenes Leben an ihm vorrüber. Ungenutzt, ungelebt.

Infos:

  • Siehe auch Rezension zu „Das letzte Band“.
  • Warten auf Godot: Kein Bestseller, wohl aber ein Longseller.
  • Beckett ist am 13.04.1906 in Dublin geboren und am 22.12.1989 in Paris gestorben.
  • Beckett erhielt 1969 den Literaturnobelpreis.
  • Beckett war irischer Staatsbürger, lebte jedoch seit 1937 in Frankreich.
  • Uraufführung in Paris im Januar 1953.

Unsere Bewertung:

Spannung: 1

Lesefreundlichkeit: 1

Ratgeber: 4 (Nicht warten, sondern selbst aktiv werden…)

Muss-man-gelesen-haben: 4

Allgemeinbildung: 5

(1= Kaum zutreffend / 5 = Besonders zutreffend)

 


 

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