Ingrid Noll: „Hab und Gier“

Zusammenfassung, Infos und Rezension

Inhalt

Karla Pinter aus dem badischen Weinheim ist eigentlich eine graue Maus mit konservativen Wertvorstellungen. Fast schon ein Klischee, dass sie als Bibliothekarin gearbeitet hat bevor sie sich frühstmöglich in den Ruhestand begeben konnte. Als sie von einem alten Kollegen – allein – aus heiterem Himmel zum Frühstück eingeladen wird, ahnt sie bereits, dass der Herr Kollege mehr will als nur über alte Zeiten zu sinnieren.

Und tatsächlich: Der todkranke aber wohlhabende Witwer macht Karla ein verlockendes Angebot: Pflege mich bis an mein Lebensende und Du erhälst die Hälfte meiner Villa in bester Stadtlage. Töte mich… und Du wirst Alleinerbin. Für die Rentnerin, die schon immer jeden Euro zweimal umdrehen musste ist die Ruhe dahin. Das der Erblasser äußerst eigenwillige Vorstellungen davon hat, wie sein Leben enden soll, macht die Sache auch nicht besser. Zur verstorbenen herrschsüchtigen Frau ist eigentlich schon alles gesagt, wenn man die Grabinschrift liest, die der Gatte verfügt hat: „Bleib, wo Du bist!“. Als Karla schließlich eine hübsche junge Kollegin mit einbezieht und diese ihrerseits einen vorbestraften Ex-Freund, gewinnt die ganze Sache eine Eigendynamik, die Karla kaum noch unter Kontrolle hat…

Rezension

Noll_Hab_und_gierIngrid Nolls Spezialität ist die Verführung des Lesers in die Grauzonen der Moralität. Mit schwarzem Humor und gleichsam augenzwinkernd zwar, doch immerhin. Natürlich ist Mord verwerflich… es sei denn, es gab besondere Umstände? Ihre Charaktere sind wie stets auch hier in „Hab und Gier“ Leute wie „Du und ich“, Menschen wie wir sie alle kennen. Aus der Perspektive des Ich-Erzählers präsentiert uns Noll die Protagonisten als leutselige Jedermänner, die kleinen Versuchungen nicht standhalten und dann nicht fassen können, wie sich die Geschichte ausweitet.

Jemanden töten… klar falsch. Aber jemanden auf Verlagen töten? Hm. Tut man ihm nicht  eigentlich sogar einen Gefallen? Das einem der ganze Vorgang allerdings zum Alleinerben macht, ist das irgendwie anrüchig? Doch andererseits… soll das viele Geld denn wirklich an öffentliche Einrichtungen fallen? Man fragt sich unwillkürlich, wie man selbst entscheiden würde.

In „Hab und Gier“ gelingt es der mittlerweile fast achtzigjährigen Autorin nach wie vor, den Leser gelegentlich zu überraschen. Die Sympathien wechseln und wandern, denn je mehr sich die Situation zuspitzt, desto drängender zeigt sich bei den einzelnen Akteuren, aus welchem Holz sie sind. Und wie üblich bei Noll: Hat das Sterben einmal angefangen, so ist es wie mit der Notlüge: Um die erste Notlüge zu stützen braucht es nach und nach weitere Lügen, um die erste zu decken und zu stützen…

Wirklich gut weg kommt bei Noll niemand. Das in Erbdingen auch ansonsten farblose Mitmenschen die Ellbogen ausfahren und plötzlich ungeahnte Energien freisetzen, dass wissen wir natürlich nicht erst seit „Hab und Gier“. Gleichwohl lässt Noll die Protagonisten – den Erblasser, die Erben, die Nachbarn, entfernte Verwandte – in einer Weise auflaufen, bei der man nur unablässig denkt: Geradeso sind sie, die Leute und nicht anders.

Infos:

 

Rezension von Beste Bücher

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